Das Wirtshaus als Grätzlzentrum und was passiert, wenn es wegfällt

 

Tina Csenar ©Brandstätter

Ein Wirtshaus. Für manche einfach ein Ort der Nahrungsaufnahme, für andere das zweite Zuhause. In jedem Fall ein fixer Bestandteil in eines lebendigen Grätzl. Doch was passiert, wenn diese Institution, so wie nun durch bedingt Corona, plötzlich wegfällt? Wie verändert es das Zusammenleben und was bedeutet es für die Menschen?

Über diese und noch mehr Fragen sprechen Tina Csenar, Pächterin des „Brandstetter“ im 17. Bezirk und Stephanie Rank, Grüne Wirtschaft Wien und Unternehmerin. Ein Gespräch über einen Ort, der mehr ist als nur ein Wirtshaus.

 

Was war euer Beweggrund, den Brandstetter zu übernehmen? Ihr hattet beide einen Vollzeitjob außerhalb der Gastronomie.

Zuerst waren wir, mein Mann Thomas und ich, „nur“ Gäste und wie so oft im Leben, der Brandstetter unser Stammlokal. Bis zu dem Tag, an dem uns die Wirtin wissen ließ, dass es für sie an der Zeit ist, den Brandstetter in andere Hände zu übergeben. An Menschen, die den „Spirit“ dieses Orts weiterleben lassen. Denn die Alternative wäre ein Sportwetten-Cafe gewesen.

Lange haben wir nicht überlegt, und uns nun vor 12 Jahre dazu entschlossen, diesen einzigarten Ort weiterzuführen. Am Anfang hat es eine Zeit gebraucht, bis wir in unsere Rolle hineingewachsen sind und auch die Stammgäste uns voll angenommen hatten.

Wie erlebst du nun den Alltag als Unternehmerin? Welche Unterstützung wünscht du dir?

Von den Leuten hier im Grätzl habe ich die volle Unterstützung und echten Rückhalt.

Auf Bezirksebene selbst hatte ich bisher wenig Unterstützung. Einige Organisationen, wie der Wiener-Sport-Club stehen voll hinter mir. Sobald ich jedoch mit neuen Ideen gekommen bin, wurde es bei vielen Stellen im Bezirk schwierig.

Ein Beispiel sind die Baustellen in den letzten vier Jahren. Kaum war unser Gastgarten offen, schon hatten wir eine Baustelle vor der Tür. Da gab es leider keine Initiativen und Lösungen, um diesen Umstand zu entschärfen. Ähnlich auch ganz aktuell das Thema mit den Corona Testboxen. Die Idee war, es den Menschen hier in der Umgebung noch leichter zu machen und diese Boxen gemeinsam mit Künstlern zu gestalten. Vor allem für ältere Menschen ohne Smartphone wäre dies eine Erleichterung gewesen.

©Brandstätter

Wer sind eure Gäste? Wen treffe ich hier an, wenn ihr – hoffentlich bald – wieder geöffnet habt?

Unsere Gäste sind bunt gemischt. Ein Tag im Brandstetter ist ein Kaleidoskop der Gesellschaft. Es dreht sich. Das war schon von Anfang an so. Vom Ex-Radrennfahrer, der Kellner war, bis hin zu den Wiener-Linien-Fahrern, über die Mitarbeiter der MA 48, bis zum Bankdirektor und der alten Herknerin (Anmerkung: „Zum Herkner“ war ein Lokal am Rande des 17. Bezirks), die das Gulasch bei uns so liebte.

Früher waren sehr viele Gäste richtige Hernalser Originale, die meisten davon sind leider nicht mehr da bzw. verstorben.

Heute hat sich das Lokal mehr geöffnet, es kommen noch mehr Menschen, noch vielfältiger und auch viele junge Menschen am Abend.

Viele von diesen Menschen waren und sind mir sehr nahe, viele kennen mich schon seit langer Zeit. Ein Vorteil, gerade in der Anfangszeit, da sie gewusst haben, ich wohne selber seit 30 Jahren im Bezirk und dem Brandstetter gehört mein Herz.

Gibt es Gäste, die ihr schon mit dem Lokal mit übernommen habt?

Ja 😉 Gäste und auch Personal.

Personal ©Brandstätter

Was siehst du als deine Aufgabe hier im Grätzl? Der Brandstetter ist ja viel mehr als „nur ein Wirtshaus“ und wer dich kennt, weiß, wie sehr du dich einsetzt …

Wir sind eine bunte Truppe von vielen Menschen, und jeder hat seine Aufgabe und seine Stärken. Ich selbst sehe mich vor allem als Netzwerkerin, die Außen und Innen verbindet.

Das Wirtshaus verbindet. Wenn ich weiß, jemand braucht etwas und der andere hat das, was der Erste braucht, dann bringe ich diese Menschen zusammen. Vom Job angefangen bis hin zu was auch immer gerade gebraucht wird. Wenn dann das Ganze aufgeht, dann macht es einfach Spaß.

Es sind auch viele Künstler bei uns. Gegenüber von uns ist beispielsweise ein Probenraum, der von den unterschiedlichsten Bands genützt wird. Danach sitzen sie dann alle im Brandstetter zusammen. Aus diesen zufälligen Treffen unterschiedlicher Künstler sind wieder ganz neue Formationen entstanden.

©Brandstätter

Ein anderer Aspekt, der mir sehr am Herzen liegt, ist der soziale Faktor, den wir hier im Grätzl haben. Denn wie du schon gesagt hast, der Brandstetter ist mehr als nur ein Wirtshaus. Wir kennen unsere Gäste. Wenn nun jemand plötzlich nicht mehr kommt, dann fragen wir nach und kümmern uns darum. Gerade in dem letzten Jahr, das durch die langen Perioden geprägt ist, in denen wir geschlossen hatten, war das für unsere Gäste so wichtig. Wichtig, dass da dennoch wer ist, dem man etwas bedeutet, der nachfragt, wie er unterstützen kann und der auch Tätigkeiten übernimmt, die eigentlich so nicht in der „Job Description“ stehen, wie etwa einkaufen, zur Apotheke gehen oder schnell etwas aus der Trafik holen. Und der sich auch die Zeit nimmt, wenn er das Mittagessen vorbeibringt, zuzuhören, zu reden und einfach da zu sein.

 

Welche Auswirkungen bemerkst du auf die Menschen, dass ihr zweites Wohnzimmer nun schon so lange weggefallen ist?

Unsere soziale Funktion können wir derzeit eben nur sehr eingeschränkt wahrnehmen, da wir ja nicht zu jedem Gast hinfahren und ihn betreuen können.

Mit dem Take-Away-Service bieten wir zumindest ein paar Zeiten an, wo die Gäste vorbeikommen können. Da ist einfach jemand da. Auch wenn ich auf der Straße vor dem Lokal stehe und die Leute sehen mich, dann reden wir, das ist sehr wertvoll. Viele Gastronomen, die diese soziale Komponente nicht haben, die sperren einfach zu. Aber das können und wollen wir nicht. Das schaffe ich einfach nicht. Es ist für die Menschen hier so wichtig, dass wir für sie da sind. Viele würden wohl sonst komplett vereinsamen. Sie wünschen sich den Austausch und wollen nicht nur mit dem Fernseher reden.

Wir waren und sind eine Drehstelle. Auch wegen der Haltestelle von Bus und Straßenbahn, wo täglich unzählige Menschen aus- und umsteigen. Dazu noch die Remise von der Straßenbahn, die MA 48 mit dem Mistplatz, der Taxistand vor der Türe …. All denen fehlt der Kontakt zu uns, viele sind seit Jahren regelmäßig hier.

Ein Grätzl bedeutet zusammenhalten auch sowas wie dörfliches Leben. Was du in der Großstadt per se so nicht hast. Daher braucht es solche Oasen, wo die Menschen zusammenkommen. Mit einem Zentrum, bei uns hier ist es der Brandstetter.

©Brandstätter

Wo siehst du Handlungsbedarf im Grätzl? Was wünscht du dir für das Grätzl? Welche Infrastruktur fehlt dir? Welche Aufwertung braucht es noch?

Ich wünsche mir fürs Grätzl, dass wir innovative und kreative Lösungen einfacher durchbringen und dass wir im Bezirk mehr zusammenarbeiten.

Auf jeden Fall brauchen wir mehr Grün hier in der Gegend. Dass wir gemeinsam andere Lösungen finden als jetzt nur Beton über Beton. Vieles, was jetzt neu gemacht wird, ist einfach nur „drüber asphaltiert“. Da wünsche ich mir einfach viel mehr kreative und innovative Lösungen. Wir haben hier im Bezirk so viele tolle Künstler und Kunstinitiativen, auch das Kulturcafe Max. Potenzial ist also mehr da, als nur die Straßen bunter und fröhlicher zu gestalten. Schaffen wir doch mehr Möglichkeiten, damit die Menschen hier Ruhe finden und zusammen kommen. Was ich initiierte hätte, waren zum Beispiel Beete, anstatt nur einen Baum zu pflanzen.

Fürs Gätzl wünsche ich mir auch, dass der Postsportplatz sich mit seinen Grünflächen mehr öffnet und weniger verbaut wird, als das jetzt geplant ist. Meine Vision wären Orte nach Vorbild einer Piazza. Orte, wo man auch als Lokalbetreiber offener agieren kann, Feste veranstaltet werden können, ohne dass man vorab unzählige Stellen mit einbeziehen muss.

Konkret jetzt für die Zeit, wo wir noch stark mit dem Thema Corona beschäftigt sind, wünsche ich mir mehr Testboxen an neuralgischen Punkten, wie hier in der Wattgasse. Wo die Leute einfach aus der Straßenbahn oder Bus aussteigen, sich testen lassen können und dann weiter in die Gastronomie gehen. Das ließe sich schnell umsetzen. Wenn man dann die Boxen auch noch künstlerisch gestaltet, schafft man es auch, das Thema „Testen“ positiv zu besetzen.

Die Selbsttests werden, denke ich, nicht reichen, wenn die Gastronomie wieder aufsperrt. Viele ältere Menschen werden sich schwer tun mit den Selbsttests. Schon jetzt bin ich eine Art Anlaufstelle für die Menschen hier in der Umgebung und helfe ihnen auch dabei, wo es nur geht.

So etwa auch einer lieben älteren Dame, die schon schlecht geht, sie kann sich nicht 24 Stunden vorher testen lassen, nur damit sie tags darauf einen Kaffee bei uns trinkt. Auch jetzt schon fährt eine meiner Mitarbeiterinnen für sie zur Apotheke oder zur Trafik.

 Was nehmt ihr euch mit aus dieser herausfordernden Zeit? Einer Zeit voller Ungewissheit ….

©Brandstätter

Was wir schon in der Schublade haben ist die ein Konzept für eine Greißlerei. Begonnen haben wir nun mit damit, unsere Speisen in Gläser abzufüllen. Wenn der Gast schon nicht bei uns speisen darf, dann kommen wir direkt zum Gast. Die Gläser gibt es bei uns hier im Brandstetter direkt, regelmäßig im Q19, wo wir immer wieder unsere Ware ausstellen, und wir haben uns auch mit der Greißlerin in Dornbach vernetzt, die ebenfalls plant unsere Gläser aufzunehmen. Was wir auch beibehalten werden, ist unser Zustellservice zu Mittag.

 

 

 

Danke, liebe Tina, für das Gespräch über deine Rolle hier im Grätzl in der „Vorstadt“. Wenn du den Brandstetter und dich in einem Satz zusammenfasst:

„Bei der Tina kann man einfach so sein, wie man ist.“ – das beschreibt wohl am besten das Herz des Brandstetters.