Zukunftsmusik und Realitätswalzer mit Manfred Mühlberger  

Manfred Mühlberger ©Manfred Mühlberger

Du bist ja auch einer der Gründer der Grünen Wirtschaft: Wie bist du zum Thema Nachhaltigkeit gekommen?

Ich habe mich während meines Studiums der Physik schon relativ intensiv mit Themen, die man heute im Nachhaltigkeitsbereich ansiedeln würde, beschäftigt. 1994 habe ich meine Firma ETA Umweltmanagement gegründet. Seitdem beschäftige ich mich mit dem Thema Nachhaltigkeit. Die Firma gibt’s nach wie vor, mich auch *lacht*. 2000 war die Gründung der Grünen Wirtschaft. Ich war auch da dabei. Das hat damals gut gepasst, die Firma war schon einigermaßen etabliert und ich wollte politisch aktiv werden. Derzeit bin bei unserem europäischen Dachverband Ecopreneur.eu aktiv, wo wir uns besonders für die Kreislaufwirtschaft engagieren.

Seit mehreren Jahren ist Smart City ein Schwerpunkt für mich. Hier arbeite ich auch viel mit der Stadt Wien zusammen.

Welches Projekt, das du in Wien mitbetreut hast, ist dir besonders im Gedächtnis geblieben?

Ein Leuchtturm ist sicher die Seestadt Aspern, trotz Problemen und Kritik. Von der umfassenden Umweltverträglichkeitsprüfung, über die Mobilitätsinitiativen, besonders energieeffiziente Schulbauten bis zum Holzhochaus wurde hier viel Zukunftsweisendes umgesetzt.

Auf der strategischen Ebene ist uns in Wien gelungen, die übergeordnete Smart City Rahmenstrategie zu beschließen. Sie gibt langfristige Vorgaben und Orientierung in vielen Themenfeldern. Da sind nicht nur in die klassischen Verdächtigen, wie Energie, Verkehr und Gebäude, sondern auch Bereiche wie Wirtschaft, Gesundheit, Kultur und Bildung integriert worden.

 

©Daniel von Appen

Smart City – das verbindet man mit Straßen und Digitalisierung. Ist das ein Gegensatz zu den Ansätzen, die mehr Grün in der Stadt fordern? Oder siehst du hier Überschneidungen?

Was mir wichtig war, ist ein Dreigestirn zum Thema Smart City zu definieren. Die drei Pfeiler sind der Klimaschutz, wo es darum geht, die Treibhausgase zu reduzieren; die Klimaanpassung, wo es darum geht, die Stadt fit zu machen und vor allem die Menschen vor den Auswirkungen des Klimawandels zu schützen. Und das dritte große Thema ist die Kreislaufwirtschaft.

Das Begrünungsthema hat ganz stark mit der Klimaanpassung zu tun – urban heat island ist hier zB. ein Schlagwort. Das bedeutet, dass die Stadt sich aufgrund der hohen Speichermassen, wie Häusern und Straßen besonders stark aufheizt. Dazu kommt die zunehmende Bodenversieglung. Wien wächst und wächst. Begrünung hilft dabei, die Hitze in der Stadt zu reduzieren. Wien hat den Vorteil, dass es relativ viel Grün außen rum hat, das ist auch eine gewisse Speichermasse für C02.

Es gibt natürlich auch Punkte, an denen es sich spießt. ZB bei der Frage, wozu nütze ich das Dach? Will ich Solarzellen drauf oder will ich es bepflanzen oder auch als Dachterrassen nutzen? Wie viel bleibt dann jeweils an Fläche noch übrig?

Es geht voran im Klimathema. Für mich aber viel zu langsam. Einzelne Pilotprojekte lassen sich relativ einfach organisieren, wenn man eine engagierte Community hat. Aber die Herausforderung ist das Upscaling. Sprich: Wie bekommen wir diese Initiativen in die Breite, so dass nicht nur ein paar Leute etwas Tolles umsetzten, sondern das der Standard für die ganze Stadt, für alle Akteur*innen wird.

Spannend ist auch die Frage, wie man die Bewohner*innen dazu bringt, mitzumachen. Was bald starten wird, ist das partizipative Bürger*innen Budget. Dafür werden Budgettöpfe auf Bezirksebene eingerichtet. Bürger*innen und Bürger können Projektideen einreichen. Jene, die von einem Beirat ausgewählt werden, bekommen Geld, um damit ihr Projekt umzusetzen. Diskutiert wird, dass dafür von der Stadt zehn Millionen Euro für Wiener Projekte bereitgestellt werden. Das ist ein sehr niederschwelliges Angebot und wird hoffentlich viele Bürger*innen motivieren, etwas in ihrem Grätzl umzusetzen.

 

©Dimitry Anikin

Wo wir gerade über alternative Ideen sprechen: Welche Potenziale siehst du in der Grätzlentwicklung in Bezug auf Klimaschutz?

Spannend in diesem Zusammenhang ist die EU-Initiative „100 climate neutral cities“, also hundert klimaneutrale Städte. Hier wird Wien mitmachen. Allerdings ist es schwierig, großflächig gleich die ganze Stadt klimaneutral zu machen. Deshalb wird hier wohl eher mit einem Stadtteil begonnen, mit kleinteiligeren Lösungen auf Grätzl-Ebene. Im kleinen Rahmen kann man auch gut innovative Lösungen ausprobieren, bis an die Grenzen des bestehenden Rechtsrahmens gehen.

Was heißt eigentlich klimaneutral?

Grundsätzlich heißt Klimaneutralität: Netto-Null-Emissionen. Sprich, dass nicht mehr Treibhausgas-Emissionen erzeugt werden, als von der Natur wieder aufgenommen werden können. Wien will bis 2040 auf Null-Emissionen runterkommen. Das ist eine große Challenge.

Funktioniert das?

Es ist eine riesige Herausforderung. Das heißt, jedes Jahr 100–150.000 Tonnen C02 zusätzlich einzusparen. Und das ist schon sehr, sehr viel. Zum Vergleich: Durch die geförderte thermische Gebäudesanierung schaffen wir derzeit etwa 10.000 Tonnen pro Jahr.

©Dimitry Anikin

Was sind die wichtigsten Bereiche, in denen sich in Wien etwas ändern muss, um die CO2-Emissionen zu senken?

Der Gebäudesektor – also Heizung, Warmwasser und Klimatisierung – verursacht in Wien circa 30 Prozent der Emissionen. Hier lautet die Devise vor allem: Weg vom Gas. Wien hat noch 400.000 Wohnungen, die mit Einzel-Gasthermen beheizt werden. Will man die alle tauschen, nimmt das viel Zeit und Aufwand in Anspruch. Hier ist auch der Wille der Politik gefragt: Es braucht klare gesetzliche Vorgaben, und zwar rasch.

Der größte Brocken ist der Verkehr, der verursacht rund 40 Prozent der Emissionen. Der ist politisch noch sensibler, weil bei der kleinsten Veränderung sofort jemand aufschreit. Wien hat grundsätzlich das Ziel, insbesondere den Auto-Verkehr zu reduzieren. Da muss man auf vielen Ebene kämpfen zB. Parkplätze verringern, den Verkehrsraum umgestalten, Alternativ-Angebote schaffen.

Ein weiterer großer Baustein ist auch, die Strom- und Wärmeerzeugung aus erneuerbaren Energien auszubauen.

 

Seit einem Jahr haben wir jetzt eine Pandemie. Was meinst du, wird die Stadt leerer werden, die Geschäfte aussterben? Wollen alle nur noch raus auf Land oder an den Stadtrand ziehen?

Das ist spannend, weil bisher der Trend eher in Richtung Re-urbanisierung ging. Viele wollten wieder in die Stadt ziehen. Was sich nun gegenteilig auswirken könnte, ist, dass es neue Formen der Arbeit gibt. Home-Office hätte in dieser Radikalität sicher noch Jahre gebraucht, um sich durchzusetzen, wenn nicht Corona gekommen wäre. Wenn man künftig eh nicht oft ins Büro muss, ist es vielleicht auch nicht so schlimm, wenn ich weiter draußen wohne.

Andererseits steigt auch die Lebensqualität in der Stadt mehr und mehr. Die vielen Initiativen sind toll und das Bewusstsein für alternative Mobilität wächst – auch wenn das meiner Ansicht nach noch schneller gehen könnte *lacht*, aber gut Ding braucht Weile.

Ein anderer Aspekt ist, dass sehr viele Büros gebaut wurden. Jetzt könnten die Firmen draufkommen, dass sie eigentlich gar nicht so viel Platz brauchen. Kurzfristig ist das bisher noch nicht erkennbar, aber wer weiß, wie es noch weitergeht. Es ist durchaus vorstellbar, dass dann Büroimmobilien in Wohnhäuser umgewandelt werden oder alternative Nutzung möglich werden. Is´ a spannende Gschicht!

 

©Anna Hunko

In welcher Stadt würdest du selbst gerne leben?

Leben … tja, da passt Wien ganz gut *lacht*.

 

Du hast drei Wünsche frei: Was wünscht du dir für ein klimaneutrales Wien?

Ich würde mir wünschen, dass die politischen Akteur*innen aus einem anderen Mindset handeln. Ich erlebe immer wieder, dass oft das gemacht wird, was man gut verkaufen kann. Es ist sozusagen sehr kommunikationsgetrieben und kurzfristig.

Das Zweite ist, dass der Stadtraum als Lebensraum gesehen wird. Der öffentliche Raum soll wirklich genützt werden. Er soll ein Ort sein, wo wir uns begegnen, wo wir leben, hinausgehen.

Und als Drittes wünsche ich mir, dass es in Wien ein offenes Klima der Kooperation und des Zusammenlebens gibt. Durchaus ein konstruktives Streiten, aber nicht sich fetzen und beleidigen. Wettbewerb der guten Ideen und zusammenwirken, Kräfte bündeln, sagen dass wir ein gemeinsames Anliegen haben, auch wenn die Wege vielleicht anders aussehen dorthin – das wär´s! Und verschiedene Lösungsansätze. Nur so kommen spannende, bereichernde Ideen zustande. Aber dazu braucht es ein offenes Kommunikationsklima.

Gutes Klima für gutes Klima! Sehr gut, vielen Dank dir.

 

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Mehr Grün in die Stadt – Online-Podiumsdiskussion

Dieses Interview führte Natascha Ickert.