Von Wohnort zur Heimat durch eine Baumscheibe

Beim Spaziergang durch ihr Grätzl in Ottakring entdeckt Paula Spilauer immer öfter wunderschön hergerichtete Baumscheiben. Sie wird neugierig und kontaktiert Hannah Zemlicka und Julia Galimova, die vor einiger Zeit ein Netzwerk für Baumscheiben-Begrüner*innen gegründet haben. Bei einem Interview erfahren wir mehr über die sogenannten Baumscheiben – jene Grünflächen rund um Bäume in Wien, die von Privatpersonen betreut werden.

 

Fangen wir ganz von vorne an. Wer seid ihr und was ist bunte Baumscheiben?

Hannah: Das Projekt „Garteln um’s Eck“ der Gebietsbetreuung gibt es schon seit einigen Jahren. Ich bin erst vor einem Jahr darauf aufmerksam geworden und habe angefangen, eine Baumscheibe bei mir in der Nähe zu begrünen. Ich wusste anfangs gar nicht, was ich in meine Baumscheibe setzen kann und dachte es wäre toll, Leute zu vernetzen und Wissen auszutauschen. Also habe ich eine Facebook-Gruppe gegründet und ein erstes Treffen initiiert, bei dem ich dann auch Julia kennengelernt habe.

Julia: Ich wohne seit fünf Jahren in Ottakring, an der übernächsten Kreuzung von meiner Wohnung waren brachliegende Erdflächen ohne Bäume – es gibt nämlich auch baumlose Baumscheiben. In den  ersten drei Jahre, während ich dort gewohnt habe, hat es mich gestört, dass diese Flecken so hässlich sind und als Müllplatz benutzt werden. Dann habe ich ein kleines Schild daran entdeckt, dass man diese sogenannten „Baumscheiben“ begrünen kann und dem dort angegebenen Kontakt von der Gebietsbetreuung geschrieben. Ich habe gleich losgelegt ohne Austausch mit anderen, und musste mich trotz Pflanzenpracht über Vandalismus ärgern. Die Gebietsbetreuung hat mich deshalb auf das Treffen verwiesen und dort habe ich Hannah kennengelernt.

 

Beim ersten Vernetzungstreffen der bunten Baumscheiben tauchten auf Anhieb zehn Personen auf inzwischen sind es weit mehr Interessierte, sie kommen aus ganz Wien.

 

Worum geht es bei euren Treffen?

Julia: Das Ziel der Treffen ist es natürlich auch, unser Projekt bekannter zu machen. Vor allem steht aber der Austausch im Vordergrund. Laien treffen sich mit Biolog*innen und erfahrenen Gärtner*innen. Wir diskutieren über Standorte, Pflanzen, Blumen, Erde – aber natürlich auch Themen wie Vandalismus oder Umgang mit Nachbar*innen und Probleme im Grätzl.

Hannah: Die Idee, eine Gruppe zum Austausch zu gründen, war von Anfang an mit der Gebietsbetreuung abgesprochen. Sie haben auch die Einladung zum Treffen an alle Baumscheiben-Begrüner*innen ausgeschickt.

 

Die Facebook-Gruppe Wiens bunte Baumscheiben umfasst mittlerweile über 200 Mitglieder. Auch der Newsletter wird immer häufiger abonniert.

 

Wie kommt man überhaupt zu einer Baumscheibe? Kann jede*r mitmachen?

Hannah: Grundsätzlich kann sich jeder dazu entscheiden, eine Baumscheibe zu begrünen. Wenn du also in deiner Gegend eine kahle Stelle entdeckst, mach’ am Besten ein Foto und halte Ausschau nach der Baumnummer, mit der der Baum markiert ist. Damit kannst du bei der Gebietsbetreuung anfragen. Wenn die Baumscheibe noch frei ist, und nicht von der Stadt verantwortet und begrünt wird, bekommst du ein OK.

Julia: Man bekommt dann eine Gestaltungsvereinbarung und Infos, was man nicht pflanzen darf. Also zum Beispiel andere Bäume, zu hohe oder giftige Pflanzen. Dann kann man eigentlich schon loslegen.

 

Zu einer Baumscheibe zu kommen ist also nicht der schwierige Teil. Aber bei der Bewässerung wird es oft knifflig.

 

Vor welchen Problemen steht ihr beim Thema Bewässerung?

Julia: Die Beschaffung von Wasser zum Gießen der Pflanzen ist ein großes Problem. Sowohl private Wasserquellen als auch öffentliche Wasserstellen sind oft weit entfernt. Dann muss man viel Wasser über längere Distanzen schleppen.

Hannah: Ich erzähl hier gerne eine Anekdote zum Thema Bewässerung: Es gab Konflikte, weil eine Baumscheiben-Begrünerin aus dem Müllraum ihres Hauses Wasser zum Gießen entnommen hat. Eine Nachbarin war böse und beklagte sich, dass die Grünfläche auf ihre Kosten gegossen würde. Zufällig lebte in dem Haus auch ein Mathematikprofessor. Er errechnete, dass jede*r Bewohner*in des Hauses zusätzliche 50 Cent pro Jahr für die grüne Baumscheibe bezahlt.

Julia: Viele Personen haben aber auch gar keinen Zugang zu einer naheliegenden privaten Wasserquelle. Ich versuche seit Jahren, Zugang zu einem Hydranten nahe meiner Baumscheibe zu bekommen. Es gibt die Möglichkeit, vom Magistrat den Hydrantenschlüssel zu bekommen – aber das kostet wahnsinnig viel. Leider konnte mir die Gebietsbetreuung da auch nicht helfen. Ich habe das Gefühl, hier scheitert Bürger*innen-Engagement an behördlichen Vorgaben.

 

Immer wieder sehen Hannah und Julia Jungbäume, die zu wenig gegossen werden und nach einiger Zeit vertrocknen. Hier gibt es zwar Initiativen, die die Bewohner*innen einbinden (bspw. Gießpatenschaften in Währing, Grätzl-Durstlöscher in Mariahilf oder die ehrenamtliche Initiative Baumhilfe), aber sie sehen grundsätzlich die Verantwortung einer adäquaten Versorgung der Bäume bei der Stadt Wien.

 

Gibt es durch die Begrünung von Baumscheiben Konflikte im Grätzl?

Hannah: Ich denke, das kommt sehr auf das Grätzl an. Mir passiert es öfters, dass Leute sich zu mir setzen und mit mir plaudern wollen, nachfragen, was ich denn da mache und sehr interessiert sind. Was jedoch auch immer wieder passiert, ist, dass Pflanzen niedergetrampelt werden. Deshalb geht es bei unserer Initiative auch darum, bekannt zu machen, dass hier Privatpersonen am Werk sind, die sich viel Mühe geben und sehr viel Zeit investieren. Hoffentlich wird dann mehr Rücksicht genommen und weniger Vandalismus betrieben.

Julia: Ich habe sehr unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Viele Leute bringen Pflanzen vorbei oder gießen meine Pflanzen, wenn ich auf Urlaub bin. Einmal habe ich beispielsweise ein Schild aufgehängt, mit der Bitte zu gießen, während ich nicht in Wien bin. Und dann wurde mir ein Foto davon geschickt! Umweltpädagogisch ist es auch auf eine gewisse Art, wenn Kinder vorbeigehen und Tomaten, Kürbisse etc. sehen. Hilfe beim Umgraben und Jäten habe ich auch bekommen.

 

Hannah und Julia erzählen von herausgerissenen Sonnenblumen und gestohlenen Nutzpflanzen. Auch mit Grätzl-Bewohner*innen artet es manchmal in politische Diskussionen aus. Die meisten, da sind sich die beiden Hobby-Gärtnerinnen einig, würden die Baumscheiben einfach ignorieren.

 

Glaubt ihr, dass das Zusammenleben im Grätzl auch profitiert von eurer Arbeit?

Julia: Ja, Junge wie Alte setzen sich dazu, man kommt ins Gespräch. Auch ich persönlich habe durch die Baumscheibe einen stärkeren Bezug zu dieser Erde, zu meinem Grätzl, zu den Leuten, die mit mir in der Straße wohnen. Sie erzählen mir z.B. von der Geschichte meines Bezirks. Auch mit den Geschäftsbesitzer*innen gibt es mehr Austausch, die kennen mich jetzt. Vorher war es nur mein Wohnort, jetzt ist es durch die Baumscheibe auch meine Heimat. Als ich heute von der Arbeit heimkam, habe ich gesehen, dass jemand Unkraut gejätet hat. Ein anderes Mal hat mir jemand die Erde aufgelockert. Es ist schön zu sehen, dass da auch Kollektivität und Solidarität im Grätzl passieren.

Hannah: Ja, auf jeden Fall! Abgesehen davon ist es schön, wenn man merkt, dass Bienen und Hummeln zurück in die Nachbarschaft ziehen.

 

Baumscheiben werden nicht nur von Privatpersonen begrünt. Auch Schulen, Jugendzentren oder Geschäfte kümmern sich um die Flecken Erde vor ihrer Haustüre. Vor allem für Cafés macht es den Standort attraktiver, meinen Julia und Hannah. Es ändert die Wahrnehmung auf Stadt und Straße, man flaniert lieber durch das Grätzl.

 

Wann fühlt ihr euch in einem Grätzl wohl?

Hannah: Ich denke, es geht um die Gelegenheit, auf konsumfreien Plätzen ins Gespräch zu kommen und die Gestaltung von grünen Räumen ist da sehr wichtig. In Wien funktioniert es in einigen Teilen schon sehr gut, in anderen nicht.

Julia: Es kommt auch viel darauf an, welche Unternehmen sich ansiedeln und wie der Verkehr aussieht. In meinem Grätzl wurden die Pop-up Straßen wahnsinnig gut angenommen in der Corona Zeit. Es sind ständig Leute dort und so viele Menschen auf der Straße habe ich in den letzten fünf Jahren noch nie gesehen. Ich denke, die Nachfrage ist da sehr groß. Durch schöne Baumscheiben ist man dann natürlich noch lieber im Grätzl unterwegs.

 

Vielen Dank für das Interview!