Über die Flüssigkeit von Verkehr und wie Mobilität im Grätzl funktionieren kann

„Wissen Sie, Frau Nossek, wir sind Pötzleinsdorfer. Durch Währing fahren wir durch“, meint ein Herr aus dem Villenviertel am Rande des Bezirks zur Bezirksvorsteherin des 18. Wiener Gemeindebezirks und beschreibt damit sehr gut, worum es eigentlich geht.

Als typischer Vorortebezirk Wiens hat sich Währing aus alten Ortschaften gebildet, die irgendwann gewachsen und zusammengewachsen sind: Währing, Gersthof und eben Pötzleinsdorf, dessen Name noch daran erinnert, dass es einmal ein kleines Dorf war.

Davon ist heute nicht mehr viel zu sehen und die Entwicklung der Mobilität hat daran einen gar nicht so kleinen Anteil.

©Jr Korpa

Wir finden in den wenigsten ehemaligen Vororten noch die typischen Dorfstrukturen, also einen Dorfplatz mit einer Kirche und rundherum die dörfliche Infrastruktur mit Friedhof, Geschäften, Handwerksbetrieben etc. Hin und wieder lässt eine Kirche plus Vorplatz und eine daran vorbeiführende Straße mit Geschäften noch die alten Strukturen erkennen, meist wurde aber schon mehrfach umgebaut.

Das hatte und hat immer noch Auswirkungen auf das Leben und vor allem auf die Wahrnehmung der Menschen, wie sie die Funktionalität einer Stadt erleben.

Im Zuge der Stadterweiterung und -entwicklung wurden Straßen verbreitert, Schienen für die Straßenbahn verlegt (und später wieder rausgerissen) und Verkehrsknotenpunkte gestaltet. Der alte Ortskern von Gersthof etwa wurde dadurch zerstört und das Grätzl seines erkennbaren Zentrums beraubt.

©Cynthia Torrez

Seit der Massenmobilisierung mit dem PKW wurden Städte – das gilt nicht nur für Wien – noch einmal radikal umgestaltet. Die enormen Mengen an Individual-Fahrzeugen, die zu 95 Prozent der Lebensdauer herumstehen, brauchen vor allem Platz. Daher wurde der öffentliche Raum einem neuen Verwendungszweck zugeführt, nämlich als Parkplatz für Autos. Diese waren jahrzehntelang Zeichen von Wohlstand und Erfolg und wurden entsprechend hochgeschätzt. Sie waren und sind teilweise bis heute mehr Statussymbol als Mobilitätsgarant.

Es wurde aber nicht nur das Parken optimiert, sondern auch das Fahren. In der Fahrschule lernte ich seinerzeit noch die Prioritäten, es ging um die „Flüssigkeit und Sicherheit des Verkehrs“, mit starker Betonung auf die Reihenfolge. Gemeint war und ist der PKW-Individualverkehr.

Seit ein paar Jahren beginnt sich eine Veränderung abzuzeichnen. Junge Stadtmenschen machen keinen Führerschein mehr, sie setzen ihre Mobilitätsprioritäten anders, nützen eine Mischung aus U-Bahn, Bus, Straßenbahn, Taxi, Micro-Scooter, Skateboard, Fahrrad und gehen auch zu Fuß.

©Deva darshan

Kommen wir noch einmal zu unserem Herrn aus dem noblen Pötzleinsdorf. Seine Aussage fiel im Zuge der Diskussion um eine 30er-Beschränkung im gesamten Bezirk (mit Ausnahme der Schienenstraßen) und sein Unmut galt der Idee, so einen „30er“ auch in der Gentzgasse zu installieren. Dazu muss man sich vor Augen halten, dass Währing nur zwei Radialstraßen hat, nämlich die Währinger Straße, in der die Straßenbahnen fahren, und die Gentzgasse. Diese wird vor allem von Autofahrer*innen, die z.B. nach Pötzleinsdorf wollen und aus der Stadt kommen, gerne befahren wird. Sie haben ein Interesse daran, möglichst schnell nach Hause zu kommen, jede Verlangsamung ist für sie ein Ärgernis – daher die Aussage „durch Währing fahren wir durch“. Er meinte damit: möglichst schnell durch, möglichst ohne stehen bleiben zu müssen, möglichst ohne Hindernis in Form von roten Ampeln, Staus oder sonst etwas.

©Ahmad Tolba

Flüssig soll er sein, der motorisierte Individualverkehr, sprich: der Autoverkehr. Da es über mehrere Jahrzehnte in Wien nahezu keinen Fahrradverkehr gab und – etwa im Gegensatz zu asiatischen Großstädten – auch nur ganz wenige motorisierte Zweiräder, gehörte die Straße ausschließlich den PKW.

Das führte zu einem Gewöhnungseffekt und wird bis heute daher als eine Art Normalzustand betrachtet. Wer dies nicht respektiert, begeht eine Normverletzung und das wird von denen, die von der Norm profitieren, verständlicherweise bekämpft.

Deswegen sind vor allem Veränderungen der Mobilitätsstruktur politisch heiß umkämpft und es gibt Bürger*innenproteste gegen Baumpflanzungen, wenn dafür ein Parkplatz „vernichtet“ wird, wie es von den Protestierenden gerne genannt wird.

 

Dieser kleine Ausflug in die Geschichte der Stadtmobilität ist notwendig, um zu verstehen, wie Mobilität im Grätzl funktionieren kann, soll und in Zukunft auch funktionieren wird. Die hat nämlich wenig bis nichts mit dem PKW zu tun. Dörfer waren über Jahrtausende so angelegt, dass man in ihnen keinen PKW brauchte und trotzdem gut zurechtkam (bis vor ein paar Jahrzehnten der Normalzustand).

©Matteo Catanese

Das Grätzl ist auch in der Stadt so definiert, dass man – außer im Falle einer körperlichen Behinderung – jederzeit jeden Ort zu Fuß erreichen kann. Das ist nicht nur ökologisch sinnvoll, sondern hat massive soziale Auswirkungen. Wir erinnern uns noch einmal an unseren Pötzleinsdorfer mit seinem Bedürfnis, von den Grätzln, die er möglichst schnell durchqueren will, möglichst wenig mitzubekommen. Jede Verlangsamung ist für ihn ein Ärgernis, somit auch jeder Kontakt. Ganz besonders ärgerlich sind für ihn Menschen, die zu Fuß gehen. Er muss bei Zebrastreifen anhalten, ebenso bei Ampeln und wenn ein älterer Mensch nicht flott die Straße überqueren kann, dann wird schon einmal ein wenig gehupt, man hat es ja eilig und das Auto hätte die PS, um viel schneller fahren zu können.

Das, was ein Zentrum im Grätzl Gersthof sein könnte, wird durch eine vierspurige Schnellstraße zerschnitten und auf der gesamten Länge zwischen Gersthofer Platzl und Türkenschanzplatz gibt es nur eine einzige Ampel, bei der Fußgänger die Straße überqueren können, ohne in Gefahr zu geraten. Dort wird nämlich nicht gerade langsam gefahren, die Straße ist Teil einer beliebten Verbindungsroute zwischen dem 14. und dem 19. Bezirk.

Die auf schnellen PKW-Verkehr ausgelegten Straßen zerschneiden das Grätzl, und das lässt sich nicht nur in Währing gut beobachten.

Bild: Gersthof 1905; ©NiK G. Janko

Dem war nicht immer so. Das Gersthofer Platzl war einmal eine sehr schöne Allee, dann wurden die Bäume gefällt, um mehr Platz für die Autos zu schaffen.

 

 

Früher konnte man flanieren, heute rennt man dort um sein Leben – etwas überspitzt ausgedrückt. Statt dem Schatten der Bäume verdunkeln heute Abgaswolken den Platz und statt dem Rauschen der Bäume rauscht der Autoverkehr durch.

Die Pläne für einen ökologischen (Bäume pflanzen) und fußgängerfreundlichen Umbau wurden seit ihrer Entstehung von den Gegner*innen politisch mit aller Kraft bekämpft. Der eigene PKW hat in vielen Köpfen noch die gleiche Bedeutung wie in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts.

 

 

Bild: Enge Gehsteige am Gersthofer Platzl; © Guido Schwarz

Grätzlmobilität bedeutet Begegnung. Im Auto bin ich von meiner Umwelt abgeschottet, olfaktorisch unterstützt durch die Klimaanlage, visuell durch getönte Scheiben, akustisch durch gut gedämmten Innenraum samt Musik und physisch durch den Blechkäfig. Da gibt es keine Chance auf Begegnung und die Kommunikation mit der Außenwelt findet durch Lichthupe und Hupe statt.

Zu Fuß oder auch mit dem Fahrrad und in der Straßenbahn begegne ich Menschen, sehe die Gegend, nehme die Schönheit mancher Häuser wahr und die Hässlichkeit anderer. Ich bleibe vor einem Schaufenster stehen und winke einer Bekannten zu, die auf der anderen Straßenseite entgegenkommt. Ich bekomme ein komplett neues Bild von meiner Wohnumgebung, vor allem, wenn ich bisher nach Verlassen des Hauses nur nach links und rechts geschaut habe, um mein geparktes Auto zu finden.

 

©Aneta Pawlik

Weil das schon erkannt wurde, gibt es da und dort entsprechende Initiativen. Fußgängerübergänge werden neugestaltet, Ecken mit den – bei Autofahrer*innen so unbeliebten – „Ohrwaschln“ versehen, um ein gefahrloseres Überqueren zu ermöglichen. Es werden zunehmend die 5-Meter-Bereiche ausgeräumt und baulich – etwa mit Radbügeln – so gestaltet, dass dort keine Autos mehr parken können, um die Sichtbeziehungen nicht zu verstellen. Ja, es geht hier um „Beziehungen“, und zwar um die zwischen Menschen, die einander im öffentlichen Raum begegnen. Im Grätzl ist genau diese Begegnung wichtig und wird gefördert, da die Menschen so lernen, ihre Umgebung neu wahrzunehmen, vor allem die Wertigkeit des öffentlichen Raumes.

Leben im Grätzl heißt erleben, gemeinsam leben, das Leben teilend, und nicht in-dividuell, also un-geteilt. Neue Mobilität ist auch ein Baustein für ein neues Sozialleben, das ein Grätzl ausmacht.

©Daniel von Appen

In Zukunft wird sich wohl auch der Herr aus Pötzleinsdorf an solche Begegnungen gewöhnen müssen. Und wer weiß – vielleicht findet er ja sogar Gefallen daran und benützt das eine oder andere Mal nicht seinen Blechkäfig, um möglichst schnell durch Währing durchzufahren.

Die Menschen im Grätzl Innerwähring werden ihn sicher gerne willkommen heißen.

 

 

Guido Schwarz, 24. Jänner 2021