Seestadt Aspern: wie eine geplante Vision Wirklichkeit wird

Die Seestadt in Aspern (Wien Donaustadt) wurde und wird auf einem ehemaligen Flugfeld gebaut und ist das größte Stadterweiterungsgebiet Wiens. Derzeit leben dort schon über 7.000 Menschen, weitere 13.000 kommen in den nächsten Jahren dazu, möglicherweise auch noch deutlich mehr.

Ein Besuch in der Seestadt ist schon allein deshalb reizvoll, weil dort viel Neues entsteht, nicht nur architektonisch. Zuerst war die U-Bahn, konkret die verlängerte U2, mit der ein klares Zeichen gesetzt wurde: Öffi statt Autos, schnelle, gute Anbindung an die Stadt und Mobilitätsinfrastruktur noch bevor das erste Haus steht.

Blick auf den See und das dahinter gerade in Bau befindliche Viertel.
Blick auf den See und das dahinter gerade in Bau befindliche Viertel.

Der namensgebende See wurde zuerst als Landschaftsteich geplant und ist inzwischen ein beliebter Badeplatz im Sommer, interessanterweise nicht nur für die Seestadt.

Und damit sind wir auch schon mitten drin in den Strukturen und der bunten, nicht immer vorhersehbaren Entwicklung dieses Stadtteils.

Vor kurzem gab es ein Kriminalitätsproblem, als einem Jugendlichen von anderen Jugendlichen das Handy geraubt wurde. Auch wenn die Medien spektakulärer berichteten, als es tatsächlich war, konnte festgestellt werden, dass die Räuber „von außen“ kamen. Es gibt so etwas wie Tourismus in der Seestadt, auch nachdem sie von der Kronen Zeitung als Freizeit-Geheimtipp ausgerufen wurde.

Grätzlbewohner*innen kennen einander und bleiben gerne unter sich. Das ist in der Seestadt oder zumindest in Teilen davon nicht anders. Fremde fallen auf, mehr oder weniger zumindest. Zugleich können gut funktionierende Grätzl durch ihre Diversität leichter Menschen aufnehmen, weil viele Typen quasi ein zu ihnen passendes Plätzchen finden können. In der Seestadt ist das doch ein wenig anders, weil sie nur bedingt gewachsen ist und in vielen Bereichen genau bis sehr genau geplant wurde.

Der künstlich aufgeschüttete Hügel hat zwar rundherum viel Freiraum, er wirkt aber etwas kahl und nicht sehr einladend.
Der künstlich aufgeschüttete Hügel hat zwar rundherum viel Freiraum, er wirkt aber etwas kahl und nicht sehr einladend.

PlanerInnen überlassen nur ungern etwas dem Zufall und wenn, dann planen sie gerne den Zufall.

Das funktioniert natürlich nicht immer perfekt, vor allem, wenn zahlreiche ArchitektInnen an einem ganzen Stadtteil bauen und nicht immer untereinander koordiniert arbeiten. An der Seestadt lässt sich gut beobachten, wie die PlanerInnen aus Fehlern lernen und auch immer wieder Verbesserungen einbauen, etwa Bäume nachpflanzen, wenn welche eingehen, ausgelöst etwa durch eine falsche Baumwahl für einen bestimmten Standort.

Am Weg von der U-Bahn in die Seestadt. Fast überall gibt es noch kleinere oder größere Baustellen, manche Häuser sind schon seit Jahren fertig, andere noch im Entstehen.
Am Weg von der U-Bahn in die Seestadt. Fast überall gibt es noch kleinere oder größere Baustellen, manche Häuser sind schon seit Jahren fertig, andere noch im Entstehen.

Womit sich nicht immer leicht planen und rechnen lässt, sind die Bedürfnisse und Eigenarten der Menschen, die dann das Grätzl bevölkern. Manche Freiräume werden sehr gut angenommen, andere gar nicht und nicht immer lässt sich erkunden, warum etwas funktioniert oder nicht.

Die Seestadt ist somit gleichzeitig Labor und Wirklichkeit, was nicht nur für die PlanerInnen reizvoll und riskant zugleich ist, sondern vor allem für die dort Lebenden interessant. Sie müssen sowohl mit Fehlern wie auch mit sehr praktischen Funktionalitäten zurechtkommen.

Zu den wichtigsten Merkmalen gehören die komplett unterschiedlichen Bau- und Wohnformen. Sie drücken sich nicht nur in der Architektur aus, der man/frau geteilt gegenüberstehen kann. Dass fast jedes Haus komplett anders aussieht als das jeweilige Nachbarhaus, mögen die einen interessant finden, die anderen chaotisch und wiederum Dritte hässlich.

Einer der schönsten Innenhöfe mit viel Grün.
Einer der schönsten Innenhöfe mit viel Grün.

Es ist unübersehbar, dass hier viele ArchitektInnen tätig waren und das wird die Seestadt in den nächsten Jahrzehnten prägen.

Eine Herausforderung besteht darin, zu erkennen, wie es in fünf oder zehn Jahren aussehen wird, wenn die Infrastruktur komplett ist und die Bäume spürbaren Schatten spenden. Seit Beginn ist die Seestadt Baustelle und das ist auch überall zu sehen, nicht nur wegen der zahlreichen Kräne. Es wird nach wie vor erweitert, ergänzt, ausgebessert, vervollständigt und umgebaut.

Viele Wohngebäude sind noch nicht fertiggestellt.
Viele Wohngebäude sind noch nicht fertiggestellt.

Noch mehr prägen werden sie die Wohnformen, denn es gibt Genossenschaftsmodelle, Baugruppenmodelle, Eigentumswohnungen und sogar Gemeindebauten – kurz: eine wirklich bunte Mischung.

Dadurch ziehen auch Menschen mit unterschiedlichen Wohnbedürfnissen in die Seestadt – die einen wollen ihr Wohnumfeld möglichst kindergerecht, andere wiederum ökologisch und wieder andere schätzen es, dass die Seestadt mit wenig Autoverkehr auskommt.

Das erschafft Diversität, die einerseits ein Grätzl erst ausmacht, andererseits auch eine Gegenkraft ist, denn mit Menschen, die anders sind, beschäftigt man sich nicht so gerne wie mit denen, deren Bedürfnisse, Werte und Lebensmodelle ähnlich sind. Es braucht dazu mehr als den Zufall, etwa ein klar erkennbares Zentrum, in dem sich viel abspielt.

Diese Balkone sind vielleicht nicht jedermanns und jederfrau Sache.
Diese Balkone sind vielleicht nicht jedermanns und jederfrau Sache.

Da hat die Seestadt noch Aufholbedarf, denn es gibt zwar kleine und größere Plätze, einige Lokale, den See und noch einiges mehr, aber nicht bewusst in Richtung einer Grätzlstruktur gebaut.

Wir dürfen gespannt sein, ob die BewohnerInnen sich diese Struktur selbst schaffen und wie das aussieht. Es gibt konsumfreie Räume und parkartige Orte, an denen sich die Menschen treffen. Rund um einen zentralen Platz arrangierte Lokale gibt es jedoch nicht und es fehlt so etwas wie Gemütlichkeit. Manche Häuserblöcke sind zwar mit engen Durchgängen ausgestattet, so dass in dem Innenareal so etwas wie Abgeschiedenheit erkennbar ist, aber wirklich lebendig wirkt es nicht oder zumindest noch nicht.