Warum Guido Schwarz seine Vespa vor die Tür rollt

Genau genommen müsste dieser Titel gegendert werden, denn sie wurde durch die Begegnung mit einer Grätzl-Killerin inspiriert.

Meine Nachbarin hat sich neulich beschwert und angeregt, dass sie die Zweiradzone vor unserem Haus gerne entfernt haben möchte. Am besten sollte sie in die Nachbargasse verlegt werden, so weit weg, dass sie nichts davon mitbekommt. Auf meine Frage, ob das die Menschen in der Nachbargasse gut finden würden, hatte sie keine Antwort, weil sie sich für deren Interessen selbst nicht interessiert. Im Fachjargon ist das als NIMBY („not in my backyard“) bekannt.

Eine anderes Beispiel führt uns ins Grätzl Gersthof, wo ein Autobus zu einem Verkehrsknotenpunkt verlängert werden soll. Der Zweck der Verlängerung der Route ist die Anbindung eines großen Freibads plus der gesamten Gegend, um den Stadtrand besser öffentlich anzubinden. Gegen die geplante Route hat sich eine Bürgerinitiative gebildet, die den Bus nicht durch ihre zwei Gassen fahren lassen wollen.

(Unser Regionalleitungsmitglied) Guido Schwarz hat seine alte Vespa aus 1973 zur Elektrovespa umgebaut. Damit wird die Nachbarschaft garantiert nicht mehr gestört.

Dass es keine Alternativroute gibt und die Alternative somit nur wäre, das gesamte Projekt nicht umzusetzen, interessiert sie ähnlich wenig wie meine Nachbarin sich für ihre Nachbarn interessiert.

 

Diese Beispiele zeigen uns sehr deutlich, dass Grätzl nicht funktioniert, wenn die Menschen sich nicht als Teil des Ganzen sehen, sondern das Ganze als Feind ihrer Individualinteressen. Dieses Ganze wird dann bekämpft und im Idealfall vernichtet, wie ein Mann der Bürgerinitiative so trefflich formuliert hat: „Ich werde mit aller Härte gegen dieses Projekt vorgehen.“ Bis wohin er zu vorzugehen bereit ist, wollen wir uns lieber nicht vorstellen.

Die Schwierigkeit besteht nun darin, die Menschen für das Ganze zugewinnen, so dass sie ihre Vereinzelung nicht mehr benötigen.

Das ist wiederum ein schwieriges Unterfangen, weil die Vereinzelungskräfte in einer Konsumgesellschaft ausgesprochen stark sind. Menschen, die nichts miteinander zu tun haben und für die alle anderen nur Störfälle sind („wie schön wäre es, wenn mir und meinem Auto die Straße alleine gehören würde, so wie es in der Werbung immer dargestellt wird …“) nützen Dinge nicht gemeinsam und tauschen auch nichts, sind also perfekt für die Konsumindustrie. Wenn mein Nachbar mein Feind ist, brauche ich eine eigene Bohrmaschine, weil seine kann oder will ich mir nicht ausborgen. Das gilt auch für den Rasenmäher, das Auto, den Griller und noch viele andere Dinge. Vereinzelung steigert den Umsatz.

Die Erfahrung hat gezeigt, dass Argumente nur bei einem Teil der Menschen etwas nützen und im Falle der Radikalisierung sogar das Gegenteil bewirken und manchmal sogar als Teil einer Verschwörung wahrgenommen werden. Das vergrößert die Kluft zwischen dem Individuum und der Gemeinschaft noch mehr. Im Extremfall werden die anderen Menschen nicht einmal mehr als Menschen wahrgenommen, ihre Interessen können somit gar nicht gleichwertig sein und sind somit minderwertig.

Der bisher beste Weg ist die Konfrontation der Gruppen, so dass sie erkennen, dass es noch andere Wahrheiten als die eigenen gibt. Je früher in einem Projekt dies geschieht, desto eher lassen sich Annäherungen und in Folge Kompromisse erzielen. Je emotional aufgeheizter die Stimmung schon ist, umso weniger sind viele Menschen bereit mit anderen überhaupt zu reden.

Meine Nachbarin könnte etwa mit den Bewohner*innen der Nachbargasse reden und würde entdecken, dass durch deren Gasse eine Busroute führt, die bereits eine erhebliche Lärmbelastung darstellt. Durch die Verlegung der Zweiradzone hätten die dann eine Doppelbelastung und sie gar keine. Natürlich wäre ihr das lieber, aber sie wäre möglicherweise eher bereit auf die Verlegung zu verzichten, wenn sie erfährt, dass die Menschen um´s Eck genauso Menschen mit eigenen Interessen sind.

Vielleicht ergibt sich ja das eine oder andere nette Gespräch und sie lernt Menschen kennen, die bereit sind, die letzten Meter vor der Zweiradzone den Motor abzustellen und leise hinzurollen, weil sie ihr Interesse ebenso respektieren.

Das funktionierende Grätzl lebt davon, dass die Menschen einander kennen und gegenseitig auf die jeweiligen Interessen Rücksicht nehmen.

Ein gutes Beispiel dafür sind etwa diverse Gruppen der Lokalen Agenda 21, die sich um Grätzlthemen kümmern. Dort kann jede und jeder mitreden, der und die sich für das jeweilige Thema interessiert.

Ein weiteres Beispiel ist die Besitzerin eines Eckgeschäfts in der Gentzgasse. Sie war über alle Maße empört, dass am Eck ein Fahrradständer gebaut werden sollte. Im Gespräch erfuhr sie, dass es um Herstellung von Sichtachsen geht, die zum gefahrlosen Überqueren und zur Verhinderung von Unfällen geschaffen werden sollten. Dieses Wissen veränderte ihre Sichtweise grundlegend, heute ist sie froh, dass ihr Protest nicht gewirkt hat. Sie überlegt sogar, ein Firmenfahrrad zu kaufen, das sie dann dort abstellen kann. Sie konnte mit dem Blick auf das Ganze erkennen, dass der öffentliche Raum nicht nur für sie gedacht ist und mehrere Interessen unter einen Hut gebracht werden müssen.

Für die geplante Busverlängerung sieht es jedoch schlecht aus, weil sie zu einem Politikum wurde und einzelne Parteien ein Interesse daran haben, den Konflikt anzuheizen und sich aus der Eskalation einen Stimmengewinn erhoffen.

Nicht nur Individuen können Grätzl-Killer sein.