Ein gutes Grätzl hat dasselbe Prinzip wie eine gute Ehe.

Langsam fangen wir an zu verstehen was ein „Grätzl“ ist, aber was ist das Gegenteil? Vielleicht hilft ein Blick in diese Richtung unsere Wahrnehmung noch weiter zu schärfen.

Das erste, was mir dazu einfällt, ist eine riesige Hochhaussiedlung. Davon gibt es in den meisten Großstädten eine ganze Menge, sei es in Neu-Köln in Berlin oder die Per-Albin-Hansson-Siedlung in Wien.

Schnell wird klar, dass dort vor allem ein Zentrum fehlt. Es gibt Spielplätze, ein Jugendzentrum, vielleicht noch eine moderne Kirche, diverse Supermärkte und eine Handvoll „Tschocherln“, also kleine Cafés von der Sorte, die das Rauchverbot ganz besonders trifft.

Gerne siedelt sich in diesen Gegenden auch ein Fitness-Center an. Wenn sich Menschen treffen wollen, müssen sie sich separieren – im Jugendzentrum finden wir Jugendliche, das Fitness-Center hat ebenfalls eine klare Zielgruppe und die Tschocherln sind auch nicht für alle attraktiv.

Es gibt einen einzigen Ort, an dem sich alle treffen können, wenn sie wollen: die Parkanlage zwischen den Hochhäusern.

Dort befindet sich meistens auch der Spielplatz, wo sich zumindest die Mütter mit ihren Kindern treffen. Und es gibt Bänke, auf denen eher die alten Leute sitzen oder Jugendliche, die ein Bier trinken oder zwei.

Auch hier findet Gemeinsamkeit aller nicht statt.

Ein weiteres Bild taucht auf: Einfamilienhäuser, fein säuberlich aneinander gereiht, mit akkurat geschnittenen Thujenhecken, Mauern und Zäunen, Garagen und Carports. Dort gibt es meistens gar keine Infrastruktur, das Leben spielt sich in den kleinen Gärten ab, sofern es sich überhaupt abspielt.

Auf die Straße gehen nur Jogger*innen am Weg zum nächsten Park oder Waldstück, sofern es ein solches gibt. Alles andere wird mit dem Auto erledigt.

In diesen Siedlungen gibt es meistens keinen einzigen Ort, an dem soziales Leben möglich ist.

Trotzdem entwickelt sich sowohl in der Hochhaus-Anlage wie auch in der Siedlung der Einfamilienhäuser so etwas wie eine Identität, wenngleich sie auch spärlich. Das ist vor allem bei jungen Menschen zu beobachten, die ihren Platz in der Gesellschaft noch suchen und mittels Gruppenerfahrungen Identität aufbauen. Aber auch bei älteren Bewohner*innen einer großen Vorstadtsiedlung gibt es das „Wir“ in unterschiedlichen Formen.

Im Dorf finden wir das sowieso, verstärkt durch die räumliche und namentliche Abgrenzung zum nächsten Dorf, aber auch im Grätzl lässt sich das gut beobachten, trefflich dargestellt etwa in der 1990er-TV-Serie „Kaisermühlenblues“.

In der Hochhaussiedlung wie auch in der Agglomeration von Einfamilienhäusern fehlen aber zwei ganz wesentliche Bestandteile: die Vielfalt und das Zentrum.

Die Vielfalt des Grätzls zeigt sich in der Art und Anzahl der Unternehmen, und hier reden wir nicht nur vom Greißler oder der Apotheke. Die gute Mischung ist vor allem dann gut, wenn ein möglichst breites Spektrum an Branchen vorhanden ist, das reicht vom Mechaniker über den Optiker bis zur Werbeagentur und verschiedenen Arztpraxen.

Die Vielfalt reicht aber weit darüber hinaus und verlangt nach einer bunten Mischung an Freizeitangeboten, nach Schulen in Gehdistanz für die Kinder, aber auch nach Kultureinrichtungen verschiedenster Art.

Schon in den 1992 gab es in Paris einen großen Kongress zum Thema „Shaping Cities – Role and Responsibility of Business“, bei dem es vor allem darum ging, dass für eine funktionierende Stadtstruktur die Wirtschaftsbetriebe nicht ausgelagert werden dürfen. Eine solche Auslagerung hat zwar auf den ersten Blick den Vorteil, dass Fabriken mit dem von ihnen erzeugten Dreck in Wohnsiedlungen keinen Ärger mehr erzeugen, dafür haben sie aber auch keinen Anlass sich so weiter zu entwickeln, dass sie erst gar keinen Dreck mehr erzeugen. Das gilt natürlich auch für den akustischen Dreck, den Lärm.

Foto: Volker Plass

Zusätzlich bewirkt die Auslagerung künstlich erzeugten Pendelverkehr, der wiederum nach dem Bau von Autobahnen schreit usw.

Ein gutes Beispiel für den Interessensausgleich liefert uns die Geschichte der „SGL Carbon Ascoli“. Die SGL Carbon erzeugt Kathoden für Hochöfen, das sind riesige Zylinder aus Graphit, deren Erzeugung nicht ganz ohne Umweltbelastung möglich ist. Eines der Werke stand in der italienischen Stadt Ascoli Piceno in den Marken.

In der schlimmsten Zeit färbte sich die frisch aufgehängte Wäsche der Einwohner*innen rundherum binnen kurzer Zeit grau und es gab entsprechende Proteste.

In langwierigen Beteiligungsverfahren konnten die Fabriksbetreiber mit den Anwohner*innen aber ausreichend viele Kompromisse aushandeln, so dass das Werk mitten in der Stadt verbleiben konnte – zumindest einige Zeit. Letztlich musste das Werk jedoch fünf Jahre nach dem Prozess trotzdem seine Pforten für immer sperren, allerdings aus vielfältigen Gründen und nicht nur wegen der Nachbarschaft.

Dieser partizipative Prozess zeigt, dass die Auswirkung der Stadtgestaltung bis weit in die sozialen Strukturen hinein reichen, denn viele Arbeiter*innen von SGL Ascoli lebten ja in der Nachbarschaft des Werks.

Es zeigt aber auch, dass Durchmischung nicht von selbst funktioniert und die Verlockung der Separation immer sichtbar und spürbar ist. Es verlangt gemeinsame Arbeit an der Struktur des Zusammenlebens. Ein Vergleich mit Beziehungen darf hier gezogen werden: Je unterschiedlicher ein Paar ist, desto mehr Interessensausgleich ist notwendig und desto schwieriger ist die Beziehung. Dafür ist sie aber auch interessanter und lebendiger, so wie das Grätzl lebendiger ist als das Nicht-Grätzl.

Gleiche Menschen mit gleichen Interessen haben es punkto Zusammenlebens leichter – das klingt durchaus plausibel. Sie leben aber dann auch in der Eintönigkeit und leiden im Krisenfall unter einer sehr schwachen Resilienz, da die notwendige Vielfalt fehlt, um sich Störungen von außen wirksam entgegenstellen zu können. Das ist ähnlich wie beim Thema Biodiversität und wir können im Grätzl von einer Art Soziodiversität reden, ganz im Gegensatz zur Monotonie der Lebensformen in der Hochhaussiedlung oder der Siedlung mit Einfamilienhäusern.

Ein letztes Beispiel für das Nicht-Grätzl sind Gated Communities. Darunter verstehen wir Wohnsiedlungen, die hermetisch von der Außenwelt abgeschirmt sind. Die ersten Formen gab es in Südafrika, danach breiteten sie sich weltweit aus, von Südamerika bis in den Norden und letztlich bis Europa.

Diese Siedlungen sind komplett künstlich angelegt und dienen dazu, reichen Menschen ein von armen Menschen ungestörtes Leben zu ermöglichen. Wir finden in der typischen Gated Community eine Aneinanderreihung von Einfamilienhäusern, die meist alle gleich aussehen und deren Bewohner*innen vor allem einen gewissen Wohlstand gemeinsam haben. Es gibt innerhalb der größeren Gated Communities zwar auch Infrastruktur wie Supermärkte oder andere Geschäfte, ja sogar Schulen und Kirchen. Was aber fehlt sind Arbeitsplätze und so müssen die Bewohner*innen jeden Arbeitstag durch die Hochsicherheitstore hinaus in die „reale Welt“.

Das führt zu skurrilen Entwicklungen. Die größte Gated Community der Welt („Alphaville“) befindet sich in der brasilianischen Stadt Sao Paulo.

Alphaville_Skyline (c) Cleitonrauber_Wikicommons

Wikipedia erklärt: „Alphaville ist ein privat entwickeltes Immobilienprojekt mit 33 geschlossenen Wohnsiedlungen und mehr als 20.000 Einfamilienhäusern und Villen, das sich in den Städten Barueri und in Santana de Parnaiba in der westlichen Metropolregion Sao Paulo befindet.

Mit dem Namen Alphaville (nach dem ersten Buchstaben des griechischen Alphabets) und dem französischen Wort „Ville“ für „Stadt“ sollte die Einmaligkeit und Vorbildhaftigkeit des Projektes einer zukünftigen städtischen Wohnkultur versinnlicht werden. Hinter einem sechs Meter hohen und fünf Kilometer langen Betonwall leben heute 50.000 Menschen. Allgegenwärtiges Sicherheitspersonal und strenge Zugangskontrollen sollen dem Sicherheitsbedürfnis der zahlungskräftigen Bewohner Genüge tun

Die Kinder wachsen dort wohlbehütet auf, müssen das Gelände genau genommen nie verlassen und werden in exzellenten Schulen ausgebildet.

Danach müssen sie jedoch hinaus, da es innerhalb der Community ja keine oder fast keine Arbeitsplätze gibt.

Und hier fängt das Problem an. Wenn sich diese jungen Menschen in Firmen vorstellen und man entdeckt, dass sie aus Alphaville kommen, bekommen sie keinen Job. Der Grund ist einfach: Sie sind am Arbeitsmarkt nicht verwendbar, da sie vom realen Leben keine Ahnung haben. Sie sind unter einer Art Glassturz aufgewachsen und für normale Jobs schlicht und einfach unbrauchbar.

All diese Entwicklungen zeigen uns, dass Monokulturen dem Grätzl als soziale Lebensform deutlich unterlegen sind. Das Scheitern des Monokulturbaus in der Forstwirtschaft zeigt sich weltweit bereits sehr deutlich, seine Dramatik beschränkt sich nicht nur auf die Hilflosigkeit gegenüber dem Borkenkäfer, sondern zeigt sich in vielfältigen Auswirkungen.

Vielleicht sollten wir die Fehler der Forstwirtschaft nicht in unseren Lebensformen wiederholen. Es lebe die Vielfalt, es lebe das Grätzl!