Betrachtungen über den Wandel des Zusammenlebens und welchen Einfluss die Wirtschaft darauf hat.

Grätzl sind urban, um nicht zu sagen: besonders typisch für die Stadt. Doch was ist das Pendant am Land? Es gibt ja Menschen, die vom Land in die Stadt ziehen, weil es am Land zu eng ist, obwohl es dort gerade weit und offen sein sollte. Dort kennt jede jeden und jeder jede, manche fühlen sich damit nicht aber so wohl. Andere Menschen ziehen von der Stadt auf´s Land, etwa weil sie die Anonymität nicht mehr wollen oder mehr Freiraum usw.

Im Grätzl gibt es große Bemühungen, Menschen zu vernetzen, miteinander bekannt zu machen, etwa durch Vereine, Gemeinschaftsgärten, virtuelle Netzwerke, Grätzlzentren und noch vieles mehr.

Das alles gibt bzw. gab es am Land bereits, zumindest wenn wir uns ein typisches Dorf mit 500 bis 2.000 Einwohner*innen vorstellen. Dort sind alle miteinander bekannt, aber nicht unbedingt befreundet. Man/frau trifft sich auch ohne Gemeinschaftsgarten, denn es gibt die Kirche am Sonntag, den Greißler unter der Woche und unzählige Gelegenheiten mehr, wie etwa ein paar Wirtshäuser oder den Sportverein.

Was in der Anonymität der Großstadt, wo Menschen sterben können, ohne dass es ihre direkten Nachbarn merken, ein anzustrebendes Gut ist, bedeutet in einem Dorf oft so etwas wie unentrinnbare Kontrolle. Es entsteht das Gefühl, dass keine Bewegung möglich ist, ohne dass irgendwer das mitbekommt.

Seit etwa einer Generation verändert sich jedoch einiges. Die Dörfer rund um die größeren Städte werden zu Schlafdörfern ohne jede Infrastruktur – keine Post, kein Greißler, keine Bank, keine Polizei, keine Schule, kein Wirt, keine Apotheke und oft gibt es nicht einmal mehr einen Pfarrer. In den etwas größeren Ortschaften gibt es am Rand einen Kreisverkehr mit ein paar Handelsketten, die sogenannte Donutisierung.

Junge Menschen halten das nicht mehr aus und ziehen in die Stadt, die Alten bleiben. Die Folgen sind schlimm, denn wenn viele Menschen wegziehen, zerbricht auch das soziale Gefüge des Dorfes, da es keine Orte mehr gibt, an denen man/frau sich treffen können und auch keine gemeinschaftsbildenden Ereignisse. Gerade mal Begräbnisse bleiben noch, an denen die Gäste aus der Stadt teilnehmen, wenn es sich terminlich gerade machen lässt.

Nun geschehen wundersame Dinge in manchen Dörfern. Ein Beispiel ist die Wienerwaldgemeinde Laaben. Dort gibt es noch eine sehr engagierte Greißlerin, die das betreibt, was wir als „Kaufmannsladen“ kennen. Sie hat alle wichtigen Dinge für den Alltag im Sortiment, von Zeitungen über Lebensmittel bis Putzmittel und Zigaretten. Leider läuft das Geschäft nicht gut, sie musste die Öffnungszeiten schon stark einschränken und fürchtet, dass sie bald zusperren muss.

Da Busse selten fahren und die Menschen sowieso ein Auto haben, nützen sie es auch zum Einkaufen und so zerstören die politischen Entscheidungen wie die Einstellung von Bahn- und Buslinien auch die dörfliche Infrastruktur.

Wenn es sie nicht mehr gibt, können sich die Menschen aus dem Dorf überhaupt nirgends mehr treffen. Dann droht die gleiche Vereinsamung wie in der Stadt.

Vielleicht wird es in Zukunft wieder Menschen aus der Stadt geben, die auf´s Land ziehen und die Kultur des Grätzllebens mitbringen, um die Dörfer am Land wieder zu beleben.

In der Stadt entstehen derzeit neue Strukturen, die an dörfliche Gemeinschaften erinnern. Stadtplaner*innen und Bezirkspolitik versuchen – zumindest in manchen Stadtteilen – die Urbanität mit kleineren Strukturen zu verknüpfen. Es werden Grätzlzentren geschaffen und man versucht kleinräumige Netzwerke zu knüpfen. Die Menschen sollen das Gefühl bekommen, dass sie in einer überschaubaren Welt leben. Das vermittelt nicht nur ein subjektives Sicherheitsempfinden, sondern verändert die Perspektive komplett. Autos werden verkauft, Nachbarschaft entsteht und in Folge immer mehr selbstorganisierte Partizipationsprojekte in Form von Gemeinschaftsgärten oder Bürgerinitiativen wie die Lokale Agenda 21.

Falls wir in Zukunft aufgrund der Klimakrise neue Ernährungsmodelle wie Vertical Farming einsetzen müssen, könnte sich der Effekt noch verstärken, da er zur langsam entstehenden Versorgungsautarkie führt – ein Modell, das über tausende Jahre am Land selbstverständlich war.

Auch autonome Selbstverwaltung beginnt sich zu entwickeln, zumindest als Wunsch. Das ist ebenfalls ein Modell aus ländlichen Räumen und war aber immer schon verknüpft mit der Unterordnung unter eine zentrale Herrschaft.

Wir sehen, wie sich die unterschiedlichen Strukturen zu vermischen beginnen und dürfen gespannt sein, wie diese Entwicklung weitergeht. Dass sie durchtränkt ist von politischen Entscheidungen und somit von unterschiedlichen Weltbildern gesteuert wird, bleibt jedoch ein nicht zu unterschätzender Einflussfaktor.