Wo die Bim auf Rasen fährt und der Stadtbauer die Tomaten sauer werden lässt

 

Die Denkwerkstatt der Grünen Wirtschaft widmete sich am 11. Oktober 2019 dem Thema „Wirtschaft und Stadtplanung“. Den Auftakt bildete eine Stadterkundung unter der fachkundigen Leitung von Gemeinderat Peter Kraus in einem Grätzl, das seinem Namen alle Ehre machte, denn wir durften das Sonnwendviertel an einem prachtvoll sonnigen, warmen Oktobertag genießen.

Die erste Station ist die Essigmanufaktur Gegenbauer in der Waldgasse. Ihren Namen verdankt sie der Tatsache,  dass bis vor einigen Jahren hier noch die Ausläufer des Waldes am Laaer Berg lagen. Heute ist alles rundherum sehr urban. Das Haus der Essigmanufaktur ist trotzdem schon mehr als hundert Jahre alt und war früher eine Tischlerei.

Erwin Gegenbauer ist der charismatische Chef. Seine Geschichte erzählt einen der vielen Wege aus der Klimakrise – nicht mehr und nicht weniger. Vor allem zeigt er diesen Weg in Verbindung mit der Wirtschaft und natürlich mit einer speziellen Form von Unternehmertum.

Sein Großvater Ignaz kam 1929 aus dem Waldviertel nach Wien und wurde einer von ca. 600 Sauerkrautmachern. Daraus entstand Anfang des vorigen Jahrhunderts ein Betrieb,

Essigproduktion Gegenbauer
©vielseitig

der Konserven erzeugte. Irgendwann in den 1970er-Jahren hatte der Vater genug von den Vorgaben und Verhandlungen mit den Großhandelsketten und übergab seinem Sohn die Firma, der die Konservenfabrik 1992 verkaufte. „Wir haben nur Mist erzeugt,“ meint er kritisch, denn der Preisdruck in der Massenproduktion sei so stark, dass keine Qualität mehr möglich ist. Darunter leidet natürlich auch der Geschmack, so dass jedes Gurkerl, das wir heute im Supermarkt kaufen können, gleich schmeckt. Die Konservierungsstoffe und die künstlichen Aromen lassen etwas anderes eigentlich gar nicht zu. Gegenbauer nennt das „Einheitsbrei“ und spricht auch von einem massiven Kulturverlust, da Nahrung ihren Wert verliert.

Eine schlecht verlaufene Preisverhandlung mit einem Großhändler konnte zudem jederzeit den Bankrott bedeuten – das war nicht das Leben, das sich Erwin Gegenbauer vorgestellt hatte.

Also was Neues. Die Familie betrieb noch das Geschäft am Naschmarkt und eines Tages erzeugte er eine Menge verschiedener Gurkerl, die alle nach alten Rezepten hergestellt waren. Die jungen Leute konnten mit dem Geschmack und der Vielfalt nichts anfangen, die älteren allerdings schon.

Dann kam das entscheidende Erlebnis: Eine Kundin kam und bedankte sich für die tolle Qualität. Das war neu – bisher musste er sich immer bei den Großhändlern bedanken, die nur nahmen, aber nie etwas zurückgaben.

So war der weitere Weg vorgezeichnet und er beschloss, radikal gute Qualität zu erzeugen. „Radikal“ kommt übrigens von „radix“, was lateinisch so viel wie „Wurzel“ bedeutet und im Falle Gegenbauer dazu führte, dass er bis heute das Aroma der Natur verwendet: Aus der Frucht wird Saft, aus dem Saft Wein und aus dem Wein Essig. Sonst kommt nichts dazu. Im Tomatenessig sind ausschließlich Tomaten drin, sonst garantiert nichts.

Da Erwin Gegenbauer mehrere Tugenden eines Unternehmers aufweist, hatte er entsprechenden Erfolg: Hartnäckigkeit, Fleiß, Neugier und Durchhaltefähigkeit. Unter anderem experimentiert er ständig mit neuen Methoden, Techniken, Verfahren usw.

Die Mischung aus alldem plus der radikale Weg der Einfachheit ist wahrscheinlich die Wurzel des beachtlichen Erfolgs.

meint er grinsend und ergänzt, dass er hier in der Waldgasse alles hat, was er braucht: Er wohnt über der Firma, folgt den natürlichen Rhythmen der Produkte, was auch einen anderen Umgang mit Zeit mit sich bringt. „Ich halte gerne zwei Stunden Siesta, so bekomm ich keinen Herzinfarkt, ganz ohne 15x rechtsdrehenden Omega-Fetten“ meint Gegenbauer. Früher arbeiteten bei ihm Maschinen, heute Menschen – das sei eines seiner Erfolgsrezepte, denn die Leute wohnen in der Nähe und müssen nicht jeden Tag zwei Stunden ihrer Lebenszeit mit Pendeln verschwenden.

Am Dach der Firma gibt es einen urbanen Garten, er bewässert mit Regenwasser, hält Hühner, zieht Gemüse und erzeugt sehr viel selbst: eigene Butter, Honig von eigenen Bienen, Käse und auch Bier in einer winzigen Brauerei im Keller.

Außerdem röstet er noch Kaffee, nachdem er einige Zeit in Friaul durch kleine Röstereien getingelt ist und seither einen gewissen Anspruch an die Qualität hat.

Was noch besonders wichtig ist, und hier wird Erwin Gegenbauer sehr genau und geht ins Detail, ist das Arbeiten mit allen Sinnen. Vor allem die Haptik hat es ihm angetan und so wird alles in der Firma händisch erzeugt.

Doch das ist noch lange nicht alles. Er denkt ständig weiter, sucht nach Verbesserungen und findet sie z. B. in neuen Fertigungsmethoden. Eines Tages gingen ihm die Kerne in den Himbeeren auf die Nerven und er fragte sich: Ist da Öl drin? Kann man das pressen? Nach einigen Versuchen gelang es ihm und so gibt es ein Himbeeröl. Doch was passiert mit dem Rest, also dem Presskuchen? Wird der weggeworfen? Nicht in der Waldgasse in Favoriten. Er verfüttert ihn an die Hühner und die Eier, die seine Gäste zum Frühstück bekommen, schmecken hin und wieder ein wenig nach Himbeeren.

Gäste gibt es deswegen, weil er ein paar Gästezimmer vermietet – übrigens ein heißer Tipp für all diejenigen, die ihren Gästen beim Wienbesuch ein sehr besonderes Quartier bieten wollen.

Erwin Gegenbauer
©vielseitig

Es würde diesen Rahmen sprengen, wenn wir nur all das aufzählen wollen, was man/frau bei einer Führung durch den Betrieb zu sehen und zu hören bekommt. Der Keller sieht etwa aus wie eine Hexenküche, in einer Ecke wird destilliert, in der anderen experimentiert und in der dritten gelagert – so wie etwa die Öle und Essige, in 50-Liter- Glasballons.

Gegenbauer erzeugt jeweils nur kleine Mengen und möchte auch gar nicht wachsen. Seine Grundphilosophie entspricht den Prinzipien der Postwachstumsökonomie und auch dem Grundmodell des österreichischen Philosophen Leopold Kohr, der meistens fälschlicherweise mit dem Satz „Small is beautiful“ zitiert wird. Tatsächlich meinte er, dass alles auf dieser Welt bis zu seiner optimalen Größe wachsen soll. Darunter bleibt es verkümmert und entfaltet nicht sein Potenzial, darüber wird es zum Monster.

In der Manufaktur von Erwin Gegenbauer lässt sich das hautnah erleben – etwa, wenn er schildert, wie lange Gärungsprozesse dauern und dass vieles nicht beschleunigt werden kann, ohne dass die Qualität verloren geht. Und genau um die geht es ihm, daher sind die Mengen klein, in denen man oben im Laden all die Köstlichkeiten kaufen kann. Insofern ist small dann doch wieder beautiful. Die Reduktion auf das Wesentliche scheint den Blick zu schärfen, bietet aber auch Freiraum für Experimente – mit der Hand und im Kopf.

Frische ist eine Frage der Zeit und Essige werden, wenn man sie verstreichen lässt, immer besser. Bei Gegenbauer lagern sie zwischen zwei und zehn Jahre. Der Reifeprozess ist von den Jahreszeiten abhängig („Im Winter schläft der Essig, im Sommer arbeitet er“) und wenn man sich die alten Gemäuer der Manufaktur ansieht, dann ahnt man, wie er seine Rhythmen findet.

Er bezeichnet sich als „Stadtbauer“ und ist ein Fan von Vertical Farming, weshalb er auch selbst im Keller eine winzige Fischzucht hat und der Meinung ist, dass vor Ort erzeugt werden soll.

 

Das deckt sich natürlich mit allen bekannten Konzepten zum Grätzlleben und zur Grätzlwirtschaft, in denen die Produkte nicht nur vor Ort verkauft, sondern auch erzeugt, repariert und wiederverwertet werden. Im Idealfall docken wir hier auch bei der Kreislaufwirtschaft an und erfahren sehr praktische Varianten des Modebegriffs Nachhaltigkeit.

Besonders schön fasst Gegenbauer es zum Schluss der Führung zusammen: „Bei mir sind Arbeit und Freizeit eins, ich lebe einfach meinen Alltag“. Das räumt dann auch mit dem unsäglichen Begriff der „Work-Life-Balance“ gründlich auf und wir ziehen weiter im Sonnwendviertel.

 

Genau genommen befindet sich die Manufaktur ja mitten drin, in diesem riesigen Gebiet, das zur Hälfte noch Baustelle ist. Sofort fällt der deutliche Unterschied zu den Gründerzeitvierteln des übrigen Innerfavoriten auf. Hier waren vor nicht langer Zeit noch Gstettn oder kleine, alte Betriebe, Industrieruinen und sonst noch einiges.

Jetzt befinden sich überall Neubauten, die erst bei näherer Betrachtung und wenn man das Konzept dahinter kennt, ihre Bedeutung offenbaren.

Wir finden in diesem Viertel viele Umsetzungen moderner Stadtentwicklungskonzepte. Es gibt z. B. große freie Flächen, die zum Teil Wildbewuchs haben. Zusammenhängende Grünflächen sind hier verwirklicht bzw. noch im Entstehen. Die schon gepflanzten Bäume sind noch klein, lassen aber für die Zukunft viel Grün erwarten, viel Beschattung als Vorsorge für eine Verschärfung der Klimakrise, mit der wir leider rechnen müssen. Besonders stolz ist der Bezirksprecher der Wirtschaftskammer auf die Rasengleise, auf denen die Straßenbahn fährt, da diese den Grünen ein großes Anliegen waren.

In einem der Häuser befindet sich das „Space Lab“, eine Dependence eines Sozialprojekts, das unsere Beachtung verdient.

Space Lab
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Hier finden junge Menschen zwischen 15 und 24 Jahren die Möglichkeit, sich nicht nur sinnvoll zu beschäftigen, sondern auch den Einstieg in den Arbeitsmarkt zu finden. Sie kommen fast immer aus schwierigen Verhältnissen, sind oft sozial vernachlässigt und schwer motivierbar.

Hier gibt es ein Kreativ-Lab, ein Media-Lab, ein Smart-Lab und ein Craft-Lab. Je nach Notwendigkeit und Vorliebe kann hier ausprobiert, gelernt oder schlicht und einfach angefertigt werden.

Der Zugang ist niederschwellig, der Ort von der Größe und Ausstattung her ideal, lediglich durch die dezentrale Lage suboptimal – hier gibt es sozusagen keine „Laufkundschaft“.

Die Jugendlichen werden aber sowieso aktiv gesucht und hin und wieder auch auf den Straßen oder in Parks angesprochen und eingeladen. Der Frauenanteil liegt bei 38 Prozent und natürlich gibt es für alle fachgerechte Betreuung. Lediglich die „Gamer“ sind schwer erreichbar, also Jugendliche, die ihre gesamte Zeit daheim vor dem Computer verbringen.

Das größte Problem, so erzählt uns die nette Sozialarbeiterin, ist der Wiedereinstieg in eine Tagesstruktur, die den Jugendlichen oft verloren gegangen ist, wenn sie eine solche überhaupt je hatten.

An diesem Ort erleben wir auch die Vielfalt, die ein Teil des Konzepts dieses Viertels ist. Im Erdgeschoß mancher Häuser sind Flächen, die um 4 Euro pro Quadratmeter gemietet werden können. Das bietet ganz anderen UnternehmerInnen die Möglichkeit, hier ihr Geschäft zu gründen, als dies sonst der Fall ist.

Dafür sind die restlichen Geschoße dieser Häuser frei finanziert. Generell gibt es hier aber jede Menge unterschiedlicher Wohnformen – vom Eigentum über Genossenschaften bis hin zu Baugruppen.

Stadtelefant
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In einem der Gebäude, dem sogenannten „Stadtelefant“, finden wir die Umsetzung einer hervorstechenden Idee. Die Aufgabe war eine besondere, denn die Architekt*innen wurden zu ihren eigenen Auftraggebern. Das Ergebnis ist ein Haus für Kreative, ein Denk- und Vernetzungsort, in das Franz&Sue mit Projektpartnern einziehen, wie PLOV, SOLID, a-null Bausoftware, Hoyer Brandschutz, architektur in progress, der Architekturstiftung Österreich und Barbara Chira, Betreiberin der Kantine.

Gleich dahinter befindet sich eine Hochgarage, die in der Zukunft auch ihre Nutzung ändern kann, was bei Tiefgaragen generell nicht der Fall ist.

 

Wir könnten noch stundenlang durch dieses spannende neue Viertel schlendern, das erst am Anfang seines Ausbaus steht, und es wäre nicht langweilig.

Wir verlassen dieses Grätzl mit viel Hoffnung und der Gewissheit, dass auch Wien den Anschluss an moderne Stadtentwicklung nicht verliert und der Bewunderung einiger Kolleg*innen aus den Bundesländern: „Ihr wohnst schon wirklich in einer spannenden Stadt!“

Und Essig haben wir natürlich auch mitgenommen.