Bis vor wenigen Jahren gab es in Währing keinen einzigen Gemeinschaftsgarten. Dann konnte sich der ehemalige Bezirksvorsteher (ÖVP) nicht mehr wehren, also bekam auch Währing einen – und zwar im Währinger Park. 20 kleine Parzellen in einem umzäunten Stück. Die Zahl der InteressentInnen lag (und liegt bis heute) bedeutend höher, nämlich bei über 200.

Dieser Garten heißt „Zaunkönig“ und funktioniert nach dem Prinzip, dass einige Parzellen jedes Jahr neu verlost werden. So ist gewährleistet, dass sich der Gemeinschaftsgarten nicht in eine geschlossene Gruppe verwandelt.

Üppig bewachsene Beete, Beerensträucher – es steckt viel Liebe in dem Garten.

 

Grüner Bezirk

Seit 2015 gibt es eine grüne Bezirksvorstehung und jetzt sind auch zwei neue Gemeinschaftsgärten entstanden:

 

1.) Schubertpark

Schon bei der Errichtung wurden möglichst viele Menschen miteinbezogen: die Kinder der benachbarten Bunten Schule, die Pfadfinder und noch viele mehr. Das ist auch eines der Ziele des Vereins „Beethafen“, der den Garten betreibt: Er soll für möglichst viele Menschen da sein. Entstanden ist die Initiative aus einer anderen Initiative, nämlich der Neugestaltung des Schulvorplatzes.

Hochbeete im Schubertpark

Die Beete sind noch fast leer, doch das wird sich bald ändern. Eines der Hochbeete ist übrigens ein Kräuterbeet, aus dem man sich frei bedienen kann.

 

2.) Im Leopold-Rosenmayr-Park hat der Verein „Zusammen Wachsen“ einen ganz besonderen Garten angelegt. Er besteht nicht nur aus einigen Beeten, sondern auch einem Kreis mit Sitzgelegenheiten im Zentrum, in dem sich aufhalten kann, wer auch immer Lust dazu hat. Es gibt keinen Zaun, sondern nur eine niedrige Hecke, damit die Hunde den Garten nicht als WC benützen.

Kein Zaun: Der Garten ist für alle offen.

Noch ist nicht viel zu sehen, aber die Anordnung lässt schon erahnen, welches kleine Paradies hier entsteht.

 

Bürokratische “Zäune” einreißen

Bei beiden Gärten dauerte es lange, bis sie eröffnet werden konnten. Beim zweiten Garten startete die FPÖ Währing sogar eine Kampagne, die sich vor allem gegen einen Sprecher des Gartens richtete. In einer Sitzung des Umweltausschusses wurde der Sprecher mit den Worten „Sind Sie Esoteriker von Beruf?“ attackiert, wobei der FPÖ-Bezirksrat offensichtlich „Energetiker“ mit „Esoteriker“ verwechselte. Das eine ist ein eingetragener Beruf mit Gewerbeschein, das andere nicht.

Diese Gärten sind politisch, weil sie zeigen, wie Menschen öffentlichen Raum gemeinsam nützen können, ohne ihn zu besitzen. Somit sind sie ein Gräuel für all diejenigen Zeitgenossen, die alles gerne in Privatbesitz sehen würden.

 

Knapper Raum mit unterschiedlichen Nutzungsinteressen

Das war auch die Grundlage des Streits mit der schon erwähnten Kampagne: Einige Hundebesitzer*innen hatten den kleinen Park bisher genutzt und waren jetzt entsprechend enttäuscht, dass andere nun auch andere Nutzungsansprüche stellten. Die FPÖ schürte den Konflikt und stellte sich auf die Seite der Hundefreund*innen.

Wo sich Menschen Raum teilen müssen, treten Interessenskonflikte auf. Diese müssen verhandelt werden mit dem Ziel, möglichst alle irgendwie einzubinden. Dies ist Politik und wird am Beispiel der Gemeinschaftsgärten gut sichtbar.

 

Soziale Gärten

Der zweite wichtige Aspekt ist die Schaffung von neuer Gemeinsamkeit. In solchen Gärten treffen Menschen mit ähnlichen Interessen aufeinander, lernen sich kennen, schließen Freundschaften und vor allem kooperieren sie. Das lässt sich z. B. sehr gut an der Urlaubsvertretung sehen, die in diesen Gärten gang und gäbe ist: Du bist eine Woche weg und ich gieße deine Karotten. Dann bin ich eine Woche weg und du gießt meine Paradeiser. Der eine baut lieber Gemüse an, die nächste Obst und der dritte Blumen. Oft ergänzen sich die Vorlieben und so entsteht neben der Nachbarschaftshilfe auch ein reger Tausch, ganz ohne Geld übrigens.

 

Im Garten neue Bekannschaften gedeihen lassen

In einem Jahr gedeiht ein bestimmtes Gemüse besonders gut und man gibt den anderen etwas davon ab. Im nächsten Jahr ist es umgekehrt. Die Menschen lernen zu geben, zu schenken und zu nehmen. In einer durchkommerzialisierten Gesellschaft ist das eine wiederentdeckte Kulturleistung, verbunden mit sozialem Lernen.

Zudem lernen sich in so einem Garten Menschen kennen, die nicht weit voneinander wohnen, trotzdem aber häufig noch nie Kontakt miteinander hatten.

Die BetreiberInnen der Gärten veranstalten kleine Feste, zu denen die erweiterte Nachbarschaft eingeladen ist. Das Projekt zieht dann weitere Kreise, andere kommen auf den Geschmack und so entstehen im Idealfall neue Projekte.

 

Selbstversorgung in der Stadt

Das ist noch nicht alles. Durch die Gärten lernen die Menschen Obst, Gemüse und Kräuter anzubauen. Seit Jahrzehnten will die Agrarindustrie uns zu standardisierten KonsumentInnen erziehen: Die Produkte müssen eine bestimmte Form und Farbe haben, damit sie uns gefallen. Dementsprechend viel wird schon bei der Ernte aussortiert, obwohl es sich um absolut einwandfreie Ware handelt – etwa die Karotte, die nicht ganz gerade ist.

Inzwischen greifen wir in den Supermärkten nur mehr zu perfekt aussehender Ware. Das ändert sich erst, wenn wir die Nahrungsmittel wieder selbst anbauen. Dann kann das Obst und Gemüse die komischste Form und Farbe haben – wir essen es trotzdem und lernen so wieder den Wert der angebauten Nahrung kennen und schätzen. Ganz abgesehen davon, dass es auch noch viel besser schmeckt.

 

Neue Wahrnehmung für die Natur

Zudem lehren uns die Gemeinschaftsgärten auf die Jahreszeiten zu achten, also die Gesetze und Besonderheiten der Natur wiederzuentdecken, die vor allem Städter*innen oft zur Gänze verlorengegangen sind.

 

Die Voraussetzungen müssen geschaffen werden

Die Gärten funktionieren aber nur dann, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Im Falle der beiden neuen haben einerseits die Gebietsbetreuung und andererseits die Lokale Agenda 21 die Initiativen unterstützt, vor allem bei der Vereinsgründung und bei der rechtlichen Absicherung. Außerdem brauchen solche Gärten einen Wasseranschluss sowie die Genehmigung der MA 42, sofern sie sich auf deren Grund befinden.

 

Die Bezirksvorstehung hat dazu mit allen Gärten folgendes vereinbart:

  • Bei allen drei Gärten wird der Bezirk außerordentliches Mitglied und der/die BezirksvorsteherIn zu den Generalversammlungen eingeladen.
  • Statuten und Gartenordnungen werden in jeweils aktueller Form der Bezirksvorstehung zur Verfügung gestellt und sind öffentlich verfügbar.
  • In allen Statuten ist geregelt, dass es Rotation bei der Vergabe der Beete gibt sowie die weiteren Modalitäten der Beetvergabe.
  • Jeder Verein betreibt eine Website, auf der diese Informationen sowie Modalitäten zur Beetvergabe und Kontaktdaten zur Interessensbekundung angegeben sind.

 

So ist eine gute Anbindung an den Bezirk gewährleistet und die Gärten sind vor Angriffen – wie dem der FPÖ – gut geschützt.

Trotzdem werden die Gemeinschaftsgärten nur dann ein Erfolg, wenn sie Teil des Grätzls werden. Dann haben Vandalismus und vor allem die Kräfte, die sich gegen Gemeinschaften richten, keine Chance.