Es hat lange gedauert – wie könnte es bei diesem Namen auch anders sein. Die Lange Gasse ist eine Parallelstraße zur sogenannten Zweierlinie und eine Einbahn – relativ schmal, dicht bebaut mit einer Menge Straßenlokalen. Die Branchenmischung ist groß und die Gasse ist sehr frequentiert.

Seit vielen Jahren gibt es jeden Samstagvormittag zwischen Josefstädter Straße und Zeltgasse einen Bauernmarkt, der recht gut frequentiert ist. Die Grünen hatten den Plan den Durchzugsverkehr zu unterbinden und die Einbahn stückweise umzudrehen, damit hatte die ÖVP-Bezirksvorstehung jedoch keine Freude. Geeinigt hat man sich dann auf eine Begegnungszone, in der auch der Biomarkt seinen wöchentlichen Platz gefunden hat.

Ein Gewinn für die Gasse und seine AnrainerInnen

Dieser Abschnitt ist durch alte, teilweise noch niedrige Biedermeierhäuser gekennzeichnet und hat durch den Umbau neues Flair bekommen. Konkret wurden Gehsteig und Fahrbahn auf ein Niveau gebracht und Pflastersteine verlegt. Es gibt jetzt eine Handvoll Stellplätze weniger, einige Blumentröge mehr, die Möglichkeit gegen die Einbahn zu radeln und eine Geschwindigkeitsbegrenzung von 20 km/h.

Der Zeitverlust für Autos beträgt ein paar Sekunden, die Steigerung an Lebensqualität ist quantitativ nicht so leicht messbar, subjektiv und außerdem einer ständigen Veränderung unterzogen.

Begegnen in der Lange Gasse

Am besten ist es, einfach hinzuschauen und sich selbst ein Bild zu machen. Mein erster Eindruck ist, dass schnelleres Fahren unnatürlich wäre, es also gar nichts ausmacht, in der vorgeschriebenen Geschwindigkeit zu fahren. Die Gestaltung lädt zum Bleiben ein, es wirkt, als ob man hier mehr tun könnte als nur durchzufahren. Das Konzept der Begegnungszone ist ebenso modern wie umstritten. Es verlangt von allen Beteiligten eine Verhaltensänderung und die immer weniger gepflegte Rücksichtnahme, wenngleich es eher darum geht, nach vorne, links und rechts zu schauen, als zurück.

Seit einiger Zeit ist es modern, sich im Auto von der Umwelt abzugrenzen: Dickere Außenhaut (SUV), dunkle Scheiben, Geräuschdämmung, Klimaanlage – quasi das Pendant zu Kopfhörern und Smartphones der FußgängerInnen, die sich auch von ihrer Umwelt distanzieren.

Der Menschen wegen

Die Begegnungszone ist der Gegenentwurf dazu mit dem Hinweis, eigentlich der Aufforderung, einander zu begegnen, und zwar friedlich. Somit prallen zwei Kulturen aufeinander und das führt zu Reibung, die Zone wirkt der Vereinzelung der Menschen entgegen. Sie ist somit auch ein Gegenentwurf zur Konsumgesellschaft und daher gibt es auch die Möglichkeit, konsumfrei zu verweilen, etwa auf den aufgestellten Bänken. Die Konsumindustrie will die Vereinzelung, die Nicht-Begegnung, ihr schlimmster Feind ist der Austausch von Dingen, der ja nur möglich ist durch den Austausch von Kommunikation, also von Begegnung.

Wirtschaftlicher Erfolg und grün handeln? Ja, kamma!

Derzeit sind alle Beteiligten nicht ganz glücklich, je nach Interesse: Manche wünschen sich mehr Grünpflanzen und noch weniger Parkplätze, andere regen sich auf, wenn Lkws ein Stück blockieren. Auf jeden Fall positiv ist der Aufschwung der Wirtschaft: Das Café Namenlos ist überhaupt erst hierher gezogen und auch andere Geschäfte haben neu eröffnet, von einem Rückgang wegen fehlender Parkmöglichkeit kann keine Rede sein.

Die zuständige Magistratsabteilung kontrolliert penibel, vor allem ob die am Gehsteig stehenden Dinge auch genehmigt sind. Das macht es für die Geschäftsleute nicht leichter; in Summe dürfte das Fazit aber positiv sein und hoffentlich für andere Grätzl als gutes Beispiel dienen.