»Digitale Transformation und die Zukunft der Menschheit – Warum Humanität der Maßstab sein muss.«

Das ist der Titel der philosophischen Keynote, die Ulrich Hemel, auf Einladung der Grünen Wirtschaft und KMU Stuttgart im Rahmen der Reihe »Zukunftsfähig Wirtschaften – wie geht das?« am 12. Mai 2021 hielt.  Ulrich Hemel ist Direktor des Weltethos-Instituts an der Universität Tübingen. Seine Forschungs- und Arbeitsschwerpunkte sind Ethik in Unternehmen, Wirtschaftsanthropologie, Ethik der Künstlichen Intelligenz. 2020 hat er ein Buch veröffentlicht: Kritik der digitalen Vernunft. Warum Humanität der Maßstab sein muss.

Kernaussage: Wir befinden uns in einem Epochenwechsel, der sich durch einen radikalen Wandel der Lebensverhältnisse mit massiven sozialen und politischen Auswirkungen auszeichnet. Auswirkungen auch auf unser Selbstverständnis, wer wir sind. Daran schließen ethische, bildungs- und identitätspolitische Fragen an.

Epochenwechsel gab es in der Geschichte viele: von den Nomaden zu den Ackerbauern, von der bäuerlichen Subsistenzwirtschaft, zur arbeitsteiligen Stadt, vom gesprochenen Wort zur Schrift, von der Schrift zum Druck, der Industrie- zur Digitalgesellschaft. Grundsätzlich kann man sagen, dass bei jedem Epochenwechsel etwas verschwindet und neues hinzukommt.

Die digitale Welt ist nicht weniger real, aber anders real als die analoge Welt.
Mit der digitalen Welt kommt zur phyischen, der sprachlichen und der schriftlichen Welt eine weitere Realität hinzu. Wir erleben durch den Wechsel der Ebenen sowohl »Wirklichkeitsgewinn« als auch »Wirklichkeitsverlust«. So lassen sich Dinge in der physischen Welt angreifen, aber schwer teilen, in der digitalen Welt ist es umgekehrt.

Digitale Identität – wer sind wir?
Eine hybride, digital-analoge Identität wird zur Regel. Die physische Person wird um eine digitale und eine Cloud-Identität in Analogie zum Unterbewussten und Unbewussten erweitert. Mensch und Maschine unterscheiden sich weiterhin, weil sich der Mensch nicht allein durch »kognitive Intelligenz« definiert. »Wir sind denkende und handelnde Körper« (»Körper, Geist und Seele«). In der Selbststeuerungsfähigkeit des Menschen liegt auch seine Überlegenheit zur künstlichen Intelligenz. Freiheit und Verantwortung liegt im Selbstbewusstsein der Person, während eine Maschine nicht aus Selbstzweck handelt oder sich steuert (»rechnen« ist nicht gleich »steuern«). Damit bleibt auch das Treffen von Entscheidungen immer noch bei den Menschen.

Was bedeutet das für Bildungs- und Teilhabeprozesse? Was für die Arbeitswelt?
Wir müssen neu lernen, wer wir sind. Neben dem akkumulierenden und verstehenden Lernen gewinnt immer mehr das Lernen über sich selbst, das »Identitätslernen« an Bedeutung. Das ist ein offenes Lernen, das pluralitätsfähig ist und die Perspektive des/der anderen immer miteinbezieht. Wir müssen aber auch erkennen, dass kognitive Überlegenheit nicht alles ist und dass nicht die ganze Welt digital und nicht alles digital abbildbar ist. Wir müssen lernen, mit »digitalem Nichtwissen« umzugehen. Wir stehen vor der paradoxen Situation, dass wir einerseits eine Wissensexplosion in allen Bereichen vorfinden, durch die Halbwertszeit von Wissen wissen wir aber immer weniger von der Welt, als wir wissen könnten. Für die Arbeitswelt und Führungskräfte bedeutet das auch, dass »Räume des Vertrauens« geschaffen werden müssen.

Digitale Bildung und digitales Talentmanagement muss vier grundlegende Fragen beantworten:

  1. Was will ich mit Daten machen? Daten und Datenanalysen sind kein Selbstzweck, sondern dienen einer konkreten Anwendung in der realen Welt.
  2. Was kann ich mit Daten machen? Datenquellen und deren Qualität sowie der Stand der technischen und methodischen Entwicklungen eröffnen Möglichkeiten und setzen Grenzen.
  3. Was darf ich mit Daten machen? Alle gesetzlichen Regeln der Datennutzung (zum Beispiel Datenschutz, Urheberrechte und Lizenzfragen) müssen immer mitbedacht werden.
  4. Was soll ich mit Daten machen? Weil Daten eine wertvolle Ressource darstellen, leitet sich daraus ein normativer Anspruch ab, sie zum Wohl von Individuen und Gesellschaft zu nutzen.*

Fazit von Ulrich Hemel: Die humane Gestaltung der digitalen Welt ist unsere Chance – aber die digitale Transformation bleibt ambivalent.

  • Digitalisierung bringt Alltagserleichterung und sozialen Sprengstoff, sie bringt Entlastung und Entmündigung.
  • Das Humanitätskriterium wird als zentraler Maßstab eingeführt werden: Fördert oder hemmt eine digitale Anwendung Menschlichkeit?
  • »Identitätslernen« (wer wir sind) und »digitale Souveränität« sind Teil von Lern- und Bildungsprozessen.

Ulrich Hemel zum Abschluss: »Wir haben Verantwortung für diese eine Welt, nehmen wir sie wahr!«**

Helene Zand, im Mai 2021

*Vgl. dazu die Data-Literacy-Charta

**Ulrich Hemel »Digitale Transformation und die Zukunft der Menschheit – Warum Humanität der Maßstab sein muss.« https://youtu.be/0iis3weUgh4 Keynote von Ulrich Hemel, die er im Rahmen der Reihe »Zukunftsfähig Wirtschaften – wie geht das?« am 12. Mai 2021 hielt.

***In diesen Bereichen sehen die Teilnehmer:innen der Veranstaltung die Entwicklung der Digitalisierung am stärksten.