»Jetzt oder nie.«

Foto: Andrea Schmidt

Den Mutigen gehört die Welt. Nach 13 Jahren als Lehrererin für Englisch und Technik und Design beschloss Rotraud Priesner daher, ihrem Wunsch nach mehr Kreativität und Gestaltungsspielraum zu folgen und sich als Fotografin selbstständig zu machen.

»Ich habe immer schon gern fotografiert, meine erste Kamera bekam ich, als ich 8 Jahre alt war«, erzählt sie im Interview. »Ich war auch immer gerne kreativ, habe an der Akademie der bildenden Künste studiert und mich ja auch für ein kreatives Lehramtsfach entschieden. Aber die Fotografie hat mich nie richtig losgelassen und daher entschloss ich mich, nebenberuflich Fotografie zu studieren.«

Nachdem ihre Masterarbeit 2025 erfolgreich verteidigt und der Titel in der Tasche war, war klar: jetzt oder nie.

Als selbstständige Fotografin liegt ihr Fokus auf Familien- und Babyfotografie sowie auf Unternehmen. Auf Anfrage begleitet sie auch Events, wie etwa die eine oder andere Hochzeit.

»Am liebsten fotografiere ich on location, also vor Ort«, meint sie. »Ich komme zu Kund:innen nach Hause oder an den Arbeitsplatz und fotografiere sie dort, wo sie sich täglich aufhalten. Manchmal ist das auch ein Park oder Spielplatz. Mir ist es wichtig, dass sich Menschen während eines Foto-Shootings wohl fühlen und in ihrem Element sind.«

Wie wichtig Umwelt und Natur für Menschen sind, ist eines der Themen, denen sie sich künstlerisch, abseits von Aufträgen, widmet. Mit ihren künstlerischen Werken ist sie immer wieder bei Fotografiewettbewerben und Ausstellungen vertreten, wie etwa im Sommer 2026 in einer Galerie im Rahmen eines Fotografiefestival in Arles, Les Rencontres de la photographie.

»Es war zwar nur ein einzelnes Bild, aber ich war sehr stolz darauf. Es war einfach eine tolle Erfahrung, Teil dieses Festivals zu sein, den Vibe zu spüren und so viele tolle Ausstellungen zu besuchen.«

Auch wenn Rotraud sich noch am Anfang ihrer Selbstständigkeit sieht, bereut sie den Schritt bisher kein bisschen. »Wenn man es nicht probiert, dann weiß man nie, ob es gelingen kann oder nicht. Man lernt ständig so viele neue Dinge und freut sich jedes Mal, wenn man etwas hinkriegt – langweilig wird einem definitiv nicht.« 🙂

Was hat dich inspiriert, dich selbstständig zu machen?

Rotraud Priesner-Berger: Ich habe ja eigentlich lange damit gehadert und mich gefragt »soll ich, soll ich nicht…?« Aber man wird halt auch nicht jünger und ich dachte mir, ich muss es einfach probieren. Eine Weile hatte ich vor, die Selbstständigkeit so nebenbei zu machen, aber mit Kindern, Job und Studium ging es sich einfach nicht aus. Da beschloss ich, mir drei Jahre zu geben, um diesen Traum zu verfolgen.

Und ich muss sagen: ich finde es toll, trotz aller Herausforderungen. Ich mag es, mich komplett auf meine Aufträge einzulassen, mich ganz auf eine Person oder Familie zu konzentrieren und Einblicke in andere Lebens- und Arbeitswelten zu erhalten. Das bereitet nicht nur meinen Kund:innen schöne Erinnerungen, die in Fotos festgehalten werden, sondern auch mir. Wie oft bekommt man sonst die Gelegenheit, die Arbeit einer Schmuckdesignerin oder Bierbrauerei so aus nächster Nähe zu sehen?

Foto: Roland Berger

Durch die Selbstständigkeit lerne ich auch viele neue Dinge, nicht zuletzt über mich selbst. Webdesign, zum Beispiel: Damit hatte ich zuvor keine Berührungspunkte und war schon darauf gefasst, dass meine Website am Ende eine lästige Pflichtübung sein wird. Aber siehe da, es macht mir Spaß! Das bekräftigt mich einmal mehr darin, mich Herausforderungen zu stellen, mutig zu sein und Neues zu lernen – auch, wenn nicht immer klar ist, wohin die Reise geht.

Woran ich zugegeben noch arbeiten will, ist meine eigene Sichtbarkeit. Das ist definitiv eine der Herausforderungen, die mit der Selbstständigkeit kommen. Eine weitere ist, dass man als Ein-Personen-Unternehmen, wie der Name ja auch sagt, halt alleine ist und einem oft der Austausch mit anderen fehlt. Da bin ich definitiv dankbar für die Vernetzungstreffen, die ich von der Grünen Wirtschaft besuchen konnte und die Community, die ich dort gefunden habe.

Was ist »grün« an deinem Unternehmen?

Rotraud Priesner-Berger: Ich würde sagen, ich bin als Mensch in meiner Grundeinstellung sehr grün – und werde durch meine inzwischen vegetarischen Kinder auch immer wieder ein Stück grüner. In Wien lege ich die meisten privaten wie auch beruflichen Wege mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurück, sofern ich nicht außerordentliches, sperriges Equipment transportieren muss. Als Fotografin und EPU hat auch mein Unternehmensalltag keinen großen Ressourcenbedarf, da ich bei Kund:innen vor Ort arbeite und kein Studio betreibe.

Grün sind auch die Themen, denen ich mich in meinen freien künstlerischen Projekten widme. Dafür bin ich viel in der Lobau und am Mühlwasser unterwegs und bearbeite zum Beispiel Themen wie Natur und die Wichtigkeit unserer Umgebung für unser Wohlbefinden. Andere Schwerpunkte, die ich setze, sind sozial geprägt, wie etwa der Einfluss der digitalen Bilderflut auf die Gesellschaft, oder das feministische Konzept des »male gaze« und sein Einfluss in der Jugendkultur.

Zuletzt würde ich auch sagen, dass mein Netzwerk ein grünes ist. Das hat sich fast organisch so ergeben, aus einzelnen Veranstaltungen für meine Berufsgruppe, die ich toll fand und bei denen ich nette Leute kennen lernen durfte, ergab sich die Mitgliedschaft bei der Grünen Wirtschaft dann irgendwann selbst. Und auch das hat mich Unternehmen »grün« geprägt.

Foto: Marietta Ecker

Wofür brennst du als Unternehmerin?

Rotraud Priesner-Berger: Ich brenne dafür, einerseits schöne Erinnerungen für Familien zu schaffen, und andererseits Unternehmer:innen darin zu bestärken, sich sichtbar zu machen und selbstbewusst der Welt zu präsentieren. Für mich ist das unglaublich bereichernd, dass ich diejenige sein darf, die das ermöglicht.

Das ist für mich auch das schönste Feedback: Wenn Leute, die eigentlich nicht gern vor der Kamera stehen, sich trotzdem wohlfühlen und am Ende glücklich über die entstandenen Fotos sind. Das bedeutet für mich, dass es mir gelungen ist, eine gute Atmosphäre zu schaffen.

Ich brenne auch für die Weitergabe von Wissen. Workshops für Jugendliche, Kinder und Eltern, in denen ich ihnen die Fotografie näherbringe, sind etwas, das ich schon von Anfang an auch als Teil meines Unternehmens umsetzen wollte. Ich arbeite auch an einem Konzept für Erwachsene, wo ich zum Beispiel im Rahmen von Fotografie-Retreats zugleich den Blick für das Hier und Jetzt schärfen und die Verbundenheit zu Natur und Umwelt stärken möchte.

 

Vielen Dank für das Interview!

 

Das Interview führte Michaela Pasterk 

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