Traditionen bewusst weitertragen

Foto: Julia Aufschnaiter

Upcycling ist für Julia Aufschnaiter kein neuer Trend und keine kurzlebige Modeerscheinung: für Julia ist Upcycling gelebte (Familien-)Geschichte. Schon als Kind lernte sie von ihrer Oma, wie aus alten Kleidungsstücken und Stofffetzen Teppiche werden können und sie ein neues Leben erhalten anstatt in den Müll zu wandern.

Das war in Tirol am Fuße des Blaufeld, von dem Julias Unternehmen BLAUFELD STUDIO seinen Namen hat. Heute lebt und arbeitet sie in Hallein, Salzburg, und fertigt in ihrem Geschäft Taschen und Accessoires aller Art aus upgecycelten Stoffen.

Ursprünglich war Julia in der Fotografie und im Grafikdesign tätig und auch ein paar Jahre selbstständig. Die Idee für ihr Unternehmen kam aber durch ihr privates Interesse an handwerklichen Hobbys wie häkeln, stricken und nähen.

»Einmal habe ich für meinen Sohn einen Teppich aus alten Leintüchern gehäkelt« erinnert sie sich. »Da hat das Upcycling für mich so richtig begonnen. Ich habe dann aus einem gekauften Fleckerlteppich eine Tasche genäht, die in meinem Freundes- und Bekanntenkreis enormen Anklang fand. Ich wurde gefragt, ob ich nicht auf Auftrag noch weitere Taschen nähen könnte. Das Problem, vor dem ich dabei aber stand war, dass die im Handel erhältlichen Teppiche alle aus Billiglohnländern kamen und extrem lange Lieferwege zurücklegten. Das ging sich für mich in Kombination mit dem nachhaltigen Upcycling-Gedanken überhaupt nicht aus.«

Julia beschloss, sich einen eigenen Anbieter für ihr Material zu suchen und wurde schließlich bei der Weberei Weiss in Salzburg fündig. Aus Stoffresten, die sie selbst zusammengesammelt und in Streifen geschnitten hatte, ließ sie sich Teppiche weben, die sie dann zu Taschen weiterverarbeitete.

Über die Jahre hat sich ihr Sortiment verbreitert; neben Taschen haben auch Clogs und unterschiedliche Accessoires wie Handykordeln in ihre Regale gefunden. Auch saisonale Workshops, zum Beispiel für Christbaumkugeln, bietet sie an.

»Auf Anfrage habe ich auch schon Lampenschirme für ein Apartment produziert und eine Kooperation mit Clogs umgesetzt. Die Ideen sind endlos« lacht Julia. »Meine Zeit leider nicht. Da bin ich sehr dankbar, dass meine Mutter – die übrigens immer noch in Tirol am Fuße des Blaufeld wohnt – mir hie und da ein bisschen hilft.«

Foto: Julia Aufschnaiter

Was hat dich inspiriert, dich selbstständig zu machen?

Julia Aufschnaiter: Es ergab sich aus der großen Nachfrage nach meinen Taschen. Zuerst waren es ein paar Freundinnen und Verwandte, dann standen plötzlich Unternehmer:innen vor meiner Tür, die meine Taschen für ihre Geschäfte haben wollten. Nach einem Jahr als Kleinunternehmerin trat eine Agentur an mich mit dem Angebot heran, meine Taschen österreichweit zu vermarkten und ich war innerhalb sehr kurzer Zeit plötzlich in High Fashion-Shops in ganz Österreich vertreten.

Dieser Einstieg ins Unternehmertum war einigermaßen überwältigend – einerseits ist es natürlich schön, wenn ein Produkt so gefragt ist, andererseits war ich trotzdem nur eine einzige Person, die die Nachfrage befriedigen sollte. Und der Hype legte sich nach einer Saison auch wieder, nach dem anfänglichen Trubel wurde es auch wieder still.

Das war die Phase in meinem Unternehmertum, in der ich mir erst so richtig bewusst werden konnte, wofür ich stehe und was meine Marke sein soll. Mir wurde bewusst, dass ich ein persönliches Label haben wollte und, dass mir Authentizität wichtiger ist als Hype. Die Nähe zu meinen Kund:innen war für mich zentral und wichtig.

Inzwischen bin ich seit 6 Jahren selbstständig und immer noch ein EPU. Nebenbei bin ich auch noch in Teilzeit angestellt und mache die Produkt Fotografie für einen österreichisches Familienunternehmen für High-End-Mode. Einerseits macht das Fotografieren Spaß und ist etwas, das ich auch in meinem eigenen Unternehmen gut gebrauchen kann, andererseits beruhigt es das Sicherheitsbedürfnis meines Jungfrau-Aszendenten, haha. 😀

Foto: Julia Aufschnaiter

Was ist »grün« an deinem Unternehmen?

Julia Aufschnaiter: Dadurch, dass ich mit upgecycelten Materialien arbeite, steht Nachhaltigkeit im Vordergrund meines Unternehmens. Mein Business-Modell ist es, Müll zu vermeiden – und vor allem in Textilbranche, wo Fast Fashion zu den größten Müllverursachern zählt, finde ich das enorm wichtig.

Meine Stoffe beziehe ich entweder aus Altkleidern oder Restbeständen an Kleidern, die Firmen verschenken, oder auch direkt von Firmen, die Stoffe herstellen und Reste weggeben wollen. Auch in meinem Bekannten- und Verwandtenkreis werden viele Reste an Kleidungsstücken verarbeitet – genug, um es inzwischen auch ein bisschen einbremsen zu müssen.

An der Menge an Material, das ich zur Verfügung habe, merkt man aber auch deutlich, wie viel Überproduktion und Überkonsum es in unserer Gesellschaft gibt. Auch wenn vieles upgecycelt werden kann, ist für mich ein Bewusstsein dafür, wo und wie man einkauft, enorm wichtig. Es ist besser, sich ein qualitatives, gutes Lieblingsstück zu kaufen, anstatt 10 billige, die dafür nach drei Waschgängen zerfallen.

Wofür brennst du als Unternehmerin?

Julia Aufschnaiter: Ich brenne für die Menschen, die hinter meinen Taschen stehen – und für die Wertschätzung, die mir entgegengebracht wird.

Foto: Julia Aufschnaiter

Wenn ich höre, dass jemand bewusst gespart hat, um sich eine meiner Taschen zu kaufen anstatt im Internet irgendwo einfach eine billigere zu kaufen, berührt mich das sehr. Und genauso schön ist es für mich zu sehen, mit wie viel Freude meine Kund:innen ihre Taschen oder Clogs tragen.

Es bestärkt mich darin, meine Kreativität und Individualität in jedes einzelne Stück fließen zu lassen, Dinge anders zu denken und Taschen zu gestalten, die nicht jeder hat – und jedes Teil ganz besonders zu machen.

 

Vielen Dank für das Interview!

 

Das Interview führte Michaela Pasterk 

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