Die Freude am Prozess – ganz ohne Schutzhelm

Foto: Robin Kopeczky

Steiermark in den frühen 1990ern: Ein Mountainbiker brettert waghalsig einen Berghang herab. Dicht auf den Fersen folgen weitere Fahrer; Steinchen, Matsch und Gras fliegen nach allen Seiten. Allen geht es um eines: als erster ins Ziel zu kommen.

Am Rand der Rennstrecke steht eine junge Frau. Sie ist um die zwanzig und hat eine Kamera in der Hand. Sie hat nicht mehr als ein paar Sekunden, um das vorbeirauschende Spektakel in einer Handvoll Fotos einzufangen. Ihr Name ist Sonja Magdihs.

Sonja ist Fotografin und entdeckte bereits zu Schulzeiten ihre Begeisterung für Fotografie – aus heutiger Sicht noch ganz old-school mit Filmrolle und komplett manueller Handhabung.

»Das Fotografieren hat mir einfach unglaublich Spaß gemacht« erzählt sie im Interview. »Nach der Matura war meine Frage nur: wo kann ich das richtig lernen? Daraufhin habe ich auf der Graphischen das Kolleg für Fotografie absolviert.«

Als junge Fotografin spezialisierte sich Sonja von Beginn ihrer Karriere an auf Sportfotografie wie etwa bei Mountainbike-Downhill-Rennen und Eishockey. Dafür reiste sie mit ihrem Kamerarucksack nicht nur mit dem Zug durch Österreich, sondern auch durch ganz Europa, zum Beispiel begleitete sie ein wochenlanges Radrennen durch Andalusien.

»Als Jugendliche war das meine Traumvorstellung, mit Teams und Events herumzureisen. Und es hat schon Spaß gemacht, aber als ich dann meinen Mann kennenlernte und später dann auch Kinder bekam, veränderten sich mein Leben und auch meine Prioritäten – und es verschob sich auch mein Fokus als Fotografin.«

Sonja begann, in einem Fotostudio im 23. Bezirk in Wien zu arbeiten und spezialisierte sich auf Babybauch-, Baby- und Kinderfotografie. Mit der Zeit entdeckte sie auch Beauty-Shootings als ein spannendes Spielfeld, um kreativ mit Lichtsetzung und Schatteneffekten zu experimentieren.

Seit 2024 ist Sonja selbst Inhaberin des Studios, in dem sie 18 Jahre angestellt war und führt das Unternehmen weiter. Ihr Angebot umfasst Porträtfotografie, Eventbegleitung und thematische Shootings und richtet sich breit an Schulen und Kindergärten, Familien sowie Firmen.

Was hat dich inspiriert, dich selbstständig zu machen?

Sonja Magdihs: Mein ehemaliger Chef wollte das Geschäft abgeben und ich dachte mir »Warum nicht?«

Rein von meinem Arbeitsalltag her hatte ich auch in meinen Jahren als Angestellte sehr viel Selbstbestimmung und konnte mir organisatorisch Vieles frei einteilen. Es war also eigentlich gar keine große Umstellung, auch offiziell meine eigene Chefin zu sein. Dazu kam der Vorteil, dass ich nicht nur den Betrieb, sondern auch die Kund:innen bereits gut kannte und vieles im Geschäft einfach weiterlaufen konnte, ohne sich groß zu verändern. Auch meine damalige Kollegin, mit der ich über die Jahre ein gut eingespieltes Team wurde, konnte ich als Mitarbeiterin behalten. Die Übernahme an sich war also eigentlich keine große Sache.

Natürlich kam das unternehmerische Drumherum hinzu – Rechnungen, Buchhaltung und all diese schönen Dinge, um die man sich halt kümmern und manchmal sorgen muss. Aber auch das geht ganz gut. 🙂

Was ist »grün« an deinem Unternehmen?

Sonja Magdihs: Das ist eine spannende Frage, finde ich. Was heißt es, grün zu wirtschaften?

Mir persönlich war es immer schon ein Anliegen, möglichst wenig Ressourcen zu verschwenden, sowohl privat als auch im Berufsleben. Ich liebe Upcycling und freue mich, dass mich der Verzicht aufs Auto zugunsten der Öffis nicht nur klimafreundlicher bewegt, sondern auch körperlich fitter hält. In meinem Studio drucken wir Fotos selbst aus – das ist zwar unmittelbar eine Investition in Geräte und Material, aber auf lange Sicht spart es viel an Lieferkosten und auch Transportwegen.

Foto: Robin Kopeczky

Was physische Ressourcen angeht, finde ich, hat sich die Fotografie als Berufsfeld auch spannend entwickelt, seit ich dabei bin: durch Digitalfotografie wird viel weniger gedruckt als früher. Wenn ich da als Beispiel Kindergarten- und Schulfotografie hernehme, dann war das früher so, dass standardmäßig für alle Kinder Mappen mit Fotos in unterschiedlichen Größen und teilweise auch Stickern produziert wurden. Ungewollte Exemplare kamen retour und mussten dann weggeworfen werden. Durch die Digitalfotografie hat sich der Prozess so geändert, dass nur noch produziert wird, was auch wirklich gewünscht ist. Das Digitale kommt zwar manchmal mit eigenen Tücken, aber was Müllvermeidung angeht, sehe ich da einen großen Unterschied zu früher.

Hat die Digitalisierung auch verändert, wie Kund:innen Fotografie wahrnehmen?

Sonja Magdihs: Ja, in mancher Hinsicht schon. Oft gibt es heute die Erwartung, Fotos sofort nach dem Shooting zu bekommen. Ein Knopfdruck und dann spuckt der Drucker es aus. Früher war das durch den Entwicklungsprozess viel entschleunigter.

Was sich auch verändert hat, ist die Menge an Fotos, die wir alle inzwischen von uns selbst haben. Und auch die Menge an Fotos allgemein, die wir jeden Tag sehen und produzieren. Man fährt nicht mehr mit zwei 36-er Filmrollen in den Urlaub, mit denen man dann auskommen muss, denn das Handy kann hunderte und tausende Fotos speichern. Aber wer schaut sich die alle an?

Durch diese Flut an Bildern kommt auch eine Art Druck, mit jedem Foto alle vorherigen zu übertreffen, um es zu etwas besonderem zu machen.

Ich finde, weniger ist oft mehr. Und mir ist es auch wichtig, den Fokus nicht nur auf das Endprodukt zu legen, sondern auch auf den Prozess. Ein Foto-Shooting soll Spaß machen, ein positives Erlebnis sein, vor allem in der Arbeit mit Kindern. Der Spaß am Prozess muss auch im Endprodukt zu sehen sein.

Würde dich eine Rückkehr zur Sportfotografie eigentlich reizen?

Sonja Magdihs: Ha. Tatsächlich denke ich in letzter Zeit – inzwischen bin ich über 50 – hie und da darüber nach. Vor allem jetzt, wo ich das Studio führe, und die Freiheit habe, meinen Fokus beliebig neu zu setzen. Da denke ich schon hin und wieder, dass ich eigentlich gerne mal wieder ein Mountainbike-Rennen erleben würde, oder vielleicht ein Formel 1 Event.

Vor allem, weil sich die Technik ja auch stark weiterentwickelt hat, seit ich zuletzt ein Event dieser Art fotografiert habe. Damals mussten alle Kameraeinstellungen manuell richtig gemacht werden und wenn man das Licht falsch eingeschätzt hatte oder die Linse vielleicht nicht die richtige war, hatte man halt kein brauchbares Foto oder Diapostiv. Das ist eigentlich nicht vergleichbar mit den Funktionen von professionellen Digitalkameras heute und den Bearbeitungsmöglichkeiten. Ich fände es schon spannend zu schauen, was mit heutiger Technik bei solchen Veranstaltungen alles möglich ist.

Allerdings hat sich auch der Sport verändert. Die körperliche Leistung, die Geschwindigkeit und die Anforderungen sind ebenfalls nicht mehr mit den frühen 1990ern zu vergleichen. Nicht nur das Mountainbiken, auch Eishockey zum Beispiel. Wenn ich heute mit meiner Familie zu einem Spiel gehe – und das machen wir eigentlich jedes Jahr – dann sehe ich, wie Fotograf:innen mit Schutzhelmen Fotos machen. Und meine Kinder müssen sich augenrollend meine Anekdote anhören, wie es die zu meiner Zeit noch nicht gab und einmal gegen Ende meiner Sportfotografie-Karriere ein Puck mit voller Geschwindigkeit und auf Augenhöhe zwischen mir und einem Fotografenkollegen durchgezischt ist. Das war tatsächlich eine sehr knappe Geschichte. (Und ja, meine Kinder kennen sie auswendig. 😉 )

Wofür brennst du als Unternehmerin?

Sonja Magdihs: Ich möchte Leuten was geben, das ihnen, wenn sie es anschauen, Freude bereitet. Ein Foto ist nicht nur ein Abbild, sondern auch eine Emotion und ein Moment, der festgehalten wurde. Das gilt nicht nur für gebuchte thematische Fotoshootings, sondern genauso für spontane Fotos für Laufkundschaft. Auch ein Passbild kann ein schönes Foto sein. Trotz der formalen Richtlinien darf man freundlich schauen, es muss kein »Verbrecherfoto« sein, das man die nächsten zehn Jahre lieber niemandem zeigt.

Ich liebe auch die Arbeit mit Licht und wie Licht Stimmung schafft. Als Fotografin hat man vielleicht einen anderen Blick auf Dinge und ich finde, es gibt nichts schöneres, als das Spiel von natürlichem Licht bewusst wahrzunehmen.

 

Vielen Dank für das Interview!

 

Das Interview führte Michaela Pasterk 

Links:

Website: fotostudio-staudigl.at