Wirtschaft, inklusive

»Ein erfolgreiches, resilientes Unternehmen aufzubauen bedeutet wohl, sich nach und nach der eigenen Redundanz bewusst zu werden« sinniert Michael Aumann, Co-Gründer und Geschäftsführer von myAbility schmunzelnd. »Wenn der Betrieb irgendwann zu groß wird, um als Geschäftsführer persönlich überall eingebunden sein zu können und es trotzdem läuft? Das ist eigentlich das Ziel, aber auch ein bisschen bittersüß.«
Michaels Karriere begann klassisch für die Unternehmensberatung: auf ein Studium der internationalen Betriebswirtschaft folgten viele Jahre als Unternehmensberater bei Accenture im Bereich Change Management, der Begleitung von Veränderungs- und Reorganisationsprozessen. Zwischen unzähligen Geschäftsreisen ins europäische Ausland und die USA schob er im Rahmen einer Bildungskarenz ein Masterstudium an der BOKU zu Umwelt- und Bioressourcenmanagement ein.
»Ich wollte mich mehr in Richtung Technik und Nachhaltigkeit weiterbilden« erzählt er, und fügt auch das Fazit hinzu, das er aus dieser Weiterentwicklung zog: Eigentlich wollte er etwas anderes machen als klassische Unternehmensberatung.
»Ich hab‘ trotzdem weiter Unternehmensberatung gemacht« lacht er. »Aber mein Fokus lag bewusst vermehrt auf pro bono Projekten.«
Über verschiedene Kooperationen und Projekte mit etwa dem Roten Kreuz und weiteren NGOs stieß er schließlich auf Marie Ringler und das globale Netzwerk sozialer Unternehmen ASHOKA. »Durch den Kontakt mit Marie Ringler habe ich dann Gregor Demblin und Wolfgang Kowatsch kennen gelernt. Und das war der Punkt, an dem ich wusste, ich möchte und ich kann hier gemeinsam mit ihnen richtig was verändern.«
Gregor war nach seiner Querschnittslähmung-Diagnose im Alter von 18 Jahren und anschließender Reha nämlich eines klargeworden: Er selbst war bereit fürs Berufsleben, die Gesellschaft allerdings nicht. Auf dem Arbeitsmarkt war sein Rollstuhl ausschlaggebender als seine Qualifikationen und Motivation – eine Erfahrung, die Menschen mit Behinderung meist nur allzu gut kennen.
Gregor und Wolfgang gründeten daraufhin die Plattform Career Moves, mit dem Ziel, Unternehmen und Menschen zusammen zu bringen. Über Career Moves konnten Unternehmen explizit Ausschreibungen für Menschen mit Behinderungen platzieren – unter der Bedingung, dass es sich um echte, vollwertige Stellen handelte. Mit der Plattform wurde Gregor zu einem der ersten österreichischen ASHOKA Fellows.
»Die Plattform kam großartig an – bei Unternehmen wie bei Bewerber:innen« erinnert sich Michael. Doch mit dem Erfolg wuchs auf Unternehmensseite auch die Zahl der Fragen, die weit über eine reine Jobplattform hinausreichten. In dem gemeinsamen pro bono Projekt gingen sie genau diese Fragestellungen an – und daraus entstand myAbility. »Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch gar nicht, dass ich selbst Teil davon werde« erzählt er. »Aber zum Abschluss des Projekts haben sie mich gefragt, ob ich voll dabei sein will – und ich habe keine Sekunde gezögert.«
Gemeinsam mit Sandra Edelmann gründeten sie 2014 schließlich myAbility.
Was hat dich, beziehungsweise euch, inspiriert, nach Career Moves dann myAbility zu gründen?
Michael Aumann: Ein Faktor war der Erfolg der Plattform und das Wissen, dass es noch so viel Potenzial zur Professionalisierung gab. Bei Themen wie Stellengestaltung oder Onboarding-Prozessen zum Beispiel braucht es oft eine Übersetzungsleistung, die wir anbieten wollten, um Arbeitsbedingungen für alle erfolgreich zu gestalten. Gleichzeitig gab es – und gibt es immer noch – zahlreiche Stereotype rund um Menschen mit Behinderungen, die wir aktiv aufbrechen wollen.
Eine Herausforderung bei der Gründung war auch, aus einem pro-bono Projekt ein von Förderungen unabhängiges Geschäftsmodell zu machen. Aber die Motivation, langfristig etwas aufzubauen war zu groß, um nicht »all in« zu gehen. Ich wollte etwas Nachhaltiges und Sinnvolles machen und das war meine Chance.
Also haben wir 2014 myAbility als Unternehmensberatung gegründet. Wir wurden als eines der ersten Unternehmen als Social Enterprise zertifiziert und unser Ziel war ganz klar: Gutes zu tun, und für mehr Chancengerechtigkeit zu sorgen.
Und es läuft gut! 2015, als ich selbst voll eingestiegen bin und die Geschäftsführung übernommen habe, waren wir zu dritt. Inzwischen beschäftigen wir knapp 45 Personen, von denen die Hälfte mit einer Behinderung oder chronischen Erkrankung lebt. Unser Hauptsitz ist in Wien, aber wir sind seit sechs, sieben Jahren im gesamten DACH-Raum präsent und machen ungefähr 50 % unseres Umsatzes außerhalb von Österreich. Vergangenen April haben wir auch eine Tochterfirma in Deutschland gegründet. Das war ein wirklich wichtiger und schöner Meilenstein.

Was ist »grün« an deinem Unternehmen?
Michael Aumann: »Grün« ist einerseits das, was wir tun: den Arbeitsmarkt inklusiver und fairer machen. Wir beraten und schulen Menschen, wir bieten eine Jobplattform und ein Unternehmensnetzwerk.
»Grün« ist auch, wie wir es tun: Wir sind bewusst im Umgang mit unseren Ressourcen, einerseits was die Ausstattung und den Betrieb von Büros angeht – etwa die Nutzung von sinnvollen LED-Lampen, die auch Seheinschränkungen kompensieren. Wir sehen Digitalisierung als positive Entwicklung: Dienstleistungen, die auch remote angeboten werden können, sparen Zeit und sparen Wege. Wir setzen auch bei Themen wie Reisetätigkeit und IT-Nutzung an, um so weit wie möglich zu optimieren, was zum Beispiel die Nutzung von Zugverbindungen oder die Verwendungsdauer und Reparaturfähigkeit von Geräten betrifft. Das ist übrigens nicht nur grün, sondern auch kostentechnisch sinnvoll.
Zum »wie« unserer Arbeit zählt auch unsere Unternehmenskultur. Soziales Unternehmertum ist, was uns prägt und wir legen großen Wert darauf, das, was wir anderen raten, auch selbst intern mit unseren Mitarbeiter:innen so zu leben. Achtsamkeit, Respekt und Qualität im Arbeitsumfeld sind Werte, auf die wir uns alle einigen können und die für uns alle gut passen.
Natürlich kommt man trotz aller sozialer Werte nicht darum herum, dass es sich auch finanziell rechnen muss. Menschen wollen schließlich für ihre Arbeit auch etwas verdienen, egal, wie die wirtschaftliche Gesamtlage gerade ist. Da gerecht zu entscheiden, was das Beste für alle ist und zwischen einzelnen Menschen, Teams und dem Unternehmen zu navigieren ist oft eine große Herausforderung. Der beste Weg, den ich bisher gefunden habe ist, ehrlich, transparent und mit Vertrauen nach innen zu kommunizieren, wie die Lage ist und wo wir als Unternehmen stehen. Und in jeder Phase offen zu sein, neue Dinge zu lernen und mein Bestes zu geben.
Wofür brennst du als Unternehmer?
Michael Aumann: Dafür, Herausforderungen anzugehen. Wenn es zum Beispiel Themen gibt, bei denen viele denken oder meinen »Das geht nicht, das wird nicht funktionieren“ – da einzuhaken und zu überlegen, wie es doch gehen könnte, dafür brenne ich. Und ich liebe es, als Unternehmer die Freiheit zu haben, es auch einfach zu tun.
Aus diesem Grund könnte ich nicht mehr in einem Konzern arbeiten – ich genieße das Gestalten und die kleinen sichtbaren Erfolge. Momente wie etwa die Gründung unserer Tochterfirma in Deutschland, die erfüllen mich mit Stolz. Und auch im Kleinen ist es ein wunderbares Gefühl, wenn man die Rückmeldung erhält, die Leben anderer Menschen positiv verändert zu haben. Da merke ich so richtig: es zahlt sich aus.
Was uns auch als Organisation antreibt, ist die Kombination von Impact und wirtschaftlichem Erfolg. Da wird meiner Meinung nach viel zu oft das eine gegen das andere ausgespielt. Wir wollen beweisen, dass die beiden Konzepte überhaupt nicht im Widerspruch zueinanderstehen, sondern, dass sie sich die Balance halten müssen. Unternehmertum ist nichts Schlechtes, man kann auch Gutes damit tun. Das Konzept Sozialunternehmen ist ein unglaublich spannendes, wenn es wirklich ernsthaft umgesetzt wird.
Vielen Dank für das Interview!
Das Interview führte Michaela Pasterk
Links/Kontakt:
Für Unternehmen
Website: myAbility.org
LinkedIn: myability und Michael Aumann
Für Zielgruppe Jobsuchende
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Youtube: myAbility Social Enterprise GmbH

