Ein Buch, eine Melange und ein Investment in die Menschlichkeit

Foto: Philipp Diesenreiter

Die Buchhandlung des Jahres 2026 liegt im 15. Wiener Gemeindebezirk. Und sie ist mehr als eine Buchhandlung: im Buchcafé Melange kann man Bücher nicht nur kaufen, sondern sie bei einem guten Kaffee gemütlich lesen. Neben deutschsprachigen Büchern finden Kund:innen ein breites Sortiment and Literatur auf Türkisch, Bosnisch, Serbisch und Kroatisch.

Romana Ledl, die Gründerin und Inhaberin des Buchcafé Melange, freut sich heuer nicht nur über die Auszeichnung als Buchhandlung des Jahres, sondern auch über ihr zehnjähriges Jubiläum als Unternehmerin. Seit Herbst 2025 ist sie im aktuellen Lokal in der äußeren Mariahilferstraße, wo sich ihr Geschäftsfeld noch erweitert hat.

»Ich entschied mich für den Umzug aufgrund der besseren Lage« erklärt sie im Interview. »Aber von der Fläche her war die neue Location von Anfang an zu groß für mein Buchcafé allein.«

Romana entschied sich daher, die Hälfte der Fläche zu einem Co-Working-Space zu machen. In zwei Büros stehen Arbeitsplätze zur Verfügung, in die man sich einmieten kann.

»Ich dachte mir: ich kenne so viele Einzelkämpfer:innen, Selbständige und EPU und bin auch selbst oft alleine im Geschäft. Was wäre, wenn da noch andere Leute wären? Es schlägt mehrere Fliegen mit einer Klappe: einerseits ist es eine schöne Location, die Kosten werden geteilt und es entstand auch eine Community.« Dass die Idee erfolgreich war, zeigt sich daran, dass aktuell nur ein einziger der Arbeitsplätze frei ist. Synergien ergeben sich durch die inhaltliche Nähe der Berufsfelder.

»Ich nenne uns manchmal eine »Female Factory««, lacht Romana. »Am meisten freut mich, wie gut sich das alles entwickelt. Wir passen alle gut zueinander, sowohl inhaltlich als auch menschlich. Es besteht eine echte Vertrauensbasis und wir unterstützen und stärken einander in unseren Unternehmensalltagen.«

Was hat dich inspiriert, dich selbstständig zu machen?

Romana Ledl: Tja, also eigentlich wollte ich das ja gar nicht. In meinem Kopf war die Sicherheit einer Anstellung als sehr wichtig verankert. Ursprünglich begann ich daher, Jus zu studieren, sattelte dann aber auf Germanistik und Theater- Film- und Medienwissenschaft um und arbeitete nebenbei in einem Literaturhaus. Im Kulturbereich einen guten Vollzeitjob zu finden, der Sicherheit bietet, ist halt eine andere Geschichte. Deswegen ging ich dann in Richtung PR und Kommunikation, auch wenn der Traum, irgendwann wieder mit Büchern zu arbeiten, geblieben ist.

Es brauchte, glaube ich, ein bisschen Zeit, um mich und meine Stärken besser kennen zu lernen. Über die Jahre PR und Kommunikationserfahrung an der FH habe ich zum Beispiel festgestellt, dass das Entwickeln und Umsetzen von Ideen etwas ist, das ich total gut kann – und zwar am besten, wenn man mich einfach machen lässt. Freiheit und Handlungsspielraum lassen mich Berge versetzen; ich finde immer eine Lösung. Und das ist auch etwas, das in der Selbstständigkeit extrem wichtig ist: dass man sich selbst motivieren kann und nicht nur Anweisungen ausführt. Man muss sehen, was wirklich wichtig ist, und nicht, was »wichtig« gemacht wird.

Die konkrete Idee einer Grätzlbuchhandlung mit Café entstand lustigerweise als Hausübung für einen Englischkurs, den ich damals besuchte. Wir sollten zum Thema »my secret ambition« einen Text schreiben und ich überlegte mir, was ich denn machen würde, wenn ich es mir komplett aussuchen kann. Die Antwort: eine Grätzlbuchhandlung mit einem Fremdsprachen-Schwerpunkt mit den Sprachen, die in Wien neben Deutsch am meisten gesprochen werden, also BKS und Türkisch. Und dazu noch ein kleines Café, denn das verbindet alle Kulturen miteinander: bei Kaffee oder Tee und Kuchen zusammen zu sitzen und zu plaudern.

Was ich auch über die Jahre über mich selbst gelernt habe: wenn ich eine Idee wirklich gut finde, bin ich sehr geduldig und beharrlich. Fast 7 Jahre habe ich mich auf meine Selbständigkeit vorbereitet, habe Informationen eingeholt, Business- und Finanzpläne erstellt und Fortbildungen besucht.

Heuer feiert meine Grätzlbuchhandlung mit Café ihr 10-jähriges Jubiläum.

Was ist »grün« an deinem Unternehmen?

Romana Ledl: Der soziale Aspekt ist mir immer schon sehr wichtig gewesen. Einerseits das Ernstnehmen unterschiedlicher Lebensrealitäten aber andererseits auch das Hervorheben von Gemeinsamkeiten. Diversität als etwas, das uns auch verbinden kann, steht für mich im Mittelpunkt. Alle sind willkommen.

Ich finde, das ist auch das Wesen des Buchhandels. Natürlich verkaufen auch wir Ware, die Ressourcen beansprucht, aber Bücher sind einfach ein Investment in die Menschlichkeit.

An sich hatte ich überhaupt nicht vor, politisch aktiv zu werden. Eine Mandatarin ging in Karenz und die Stelle der Lehrlingsbeauftragten wurde frei. Und da mir die Lehrlinge extrem am Herzen liegen, habe ich die Position interimistisch übernommen. Für mich war es auch ein Dankeschön an engagierte Menschen wie zum Beispiel Sonja Franzke, die immer da war, wenn ich Fragen hatte. In der Zeit habe ich gesehen, wie wichtig die Arbeit der Grünen Wirtschaft ist und dass auch die »Kleinen« etwas bewirken können. Und aus diesem unverbindlichen »wir sind für dich da, wenn du etwas brauchst« entwickelte es sich schließlich, dass ich von interimistisch ganz offiziell eine grüne Mandatarin in meiner Fachgruppe wurde.

Wofür brennst du als Unternehmerin?

Romana Ledl: Ich glaube fest daran, dass auch die Kleinen etwas bewegen können.

Oftmals fühlt man sich als Einzelkämpfer:in, was zermürbend sein kann – aber es gibt so viele von uns! Wenn wir uns gegenseitig stärken, Informationen teilen und gemeinsam laut werden, dann steckt in uns eine enorme Kraft für positive Veränderung. Und ich schätze da vor allem das Workshop- und Vernetzungsangebot der Grünen Wirtschaft, das sich gezielt an Frauen richtet, sehr.

Wichtig ist aber auch, finde ich, dass es eine gleichberechtigte Vertretung von Interessen gibt und auch die Kleinen eine Stimme und einen Platz am Tisch bekommen. Nicht jedes Geschäftsmodell ist zum Beispiel skalierbar und das muss auch okay sein! Und es muss faire Regeln geben, die für alle gelten.

Bonusfrage: Hast du einen Buchtipp für alle, die noch nach guter Lektüre für den Urlaub suchen?

Romana Ledl: Absolut und zwar »Die Schwestern« von Jonas Hassen Khemiri (Rowohlt, 2025). Es erzählt die Familiengeschichte dreier Schwestern durch die Augen eines Jungen, der sie von Kindheit an kennt und ihnen über Jahrzehnte hinweg in unterschiedlichen Situationen und Kontexten immer wieder begegnet. Ein tolles Buch, das ich wärmstens empfehle.

 

Vielen Dank für das Interview!

 

Das Interview führte Michaela Pasterk 

Links:

Website: buchcafe-melange.com
Instagram: buchcafemelange
Facebook: Buchcafé Melange
Linkedin: Romana Ledl