Über die Ordnung von Daten und Pfannen

Julian Wareyka-Ruths ist eine Orchidee in seinem Fach: ein männlicher Ordnungsberater.
»Ob ich der einzige in Österreich bin, traue ich mich nicht zu behaupten« lacht er. »Aber in meinem Netzwerk schon.«
Seine Mission, Leute dabei zu unterstützen, wieder Struktur und Ordnung in ihre Lebensbereiche zu bringen, ist bewusst breit formuliert. »Ganz oft wird das Thema »Ordnung« in den Haushaltsbereich geschoben; man denkt in erster Linie an Küchenladen, Kleiderschränke oder das ominöse Kastl im Vorzimmer, wo von Putzmittel bis Bettwäsche hin zu Werkzeug und Verbandskasten alles kreuz und quer liegt. Das mache ich zwar auch, aber ich sehe es breiter: mir geht es um Überblick nicht nur über Besitztümer, sondern auch digitale Daten, Dokumente, Notfallmaßnahmen. Um die Frage »Finde ich im Ernstfall, was ich brauche? Findet jemand anderes im Ernstfall etwas?««
Im digitalen Bereich bringt Julian reichlich Expertise mit: nach seinem Studium der technischen Mathematik an der TU Wien arbeitete er jahrelang in der Software-Entwicklung. Dabei beschäftigte er sich eingehend mit den Bedürfnissen und Anforderungen, die Kund:innen an ein Projekt herantrugen, um Lösungen zu konzipieren, die an bestehende Prozesse angepasst waren.
»Nach fünf, sechs Jahren hatte ich aber das Bedürfnis nach Veränderung« berichtet er. »Das Erkennen von Stolpersteinen und das Problemlösen machten mir zwar enorm viel Spaß, aber ich wollte weg von der Softwareentwicklung und ein bisschen näher am Menschen arbeiten.«
Der Beruf als Ordnungscoach war der ideale Weg, um seine Talente für Struktur, Problemlösung und Bedürfnisorientierung in einem neuen Kontext zu entfalten. Was seiner Meinung nach total unterschätzt wird: »Ordnung muss man lernen. Wir gehen oft davon aus, dass man das irgendwie instinktiv können sollte, aber so ist es nicht. Wer nie gelernt hat, Ordnung zu schaffen und zu halten, wird sich sehr schwertun, es plötzlich von einem Tag auf den anderen zu tun.«
Ein Grundgerüst für Ordnung aufzubauen dauert nicht allzu lange, meint er. Im Vordergrund steht der Prozess und weniger eine statische Idee von Ordnung. Wichtig ist für Julian auch, dass sämtliche Lösungen alltagstauglich sind und sich gut in die täglichen Abläufe integrieren lassen. Niederschwelligkeit kommt vor Perfektion.
Muss Ordnung Spaß machen? »Ganz ehrlich, nein« lacht er. »Das wäre unrealistisch. Vieles muss halt sein und ich bin da pragmatisch. Im Idealfall geht Ordnung nebenbei und braucht wenig Energie, so wie den Geschirrspüler ein- und ausräumen. Ich finde, man hat gewonnen, wenn durch gute Ordnungsprozesse am Ende mehr Zeit für Spaß bleibt.«
Wie war das für dich, nicht nur den Beruf zu wechseln, sondern dich damit auch selbstständig zu machen?
Julian Wareyka-Ruths: Ehrlich gesagt, es war eine nervenaufreibende Sache.
Ich war daher sehr froh, durch das UGP (Anm.: Unternehmensgründungsprogramm des AMS) ein halbes Jahr Zeit zu haben, mich voll auf den Gründungsprozess zu fokussieren und auch einen Berater zur Seite zu haben. Rein finanziell war das schon eine große Absicherung und ich hatte auch das Glück, dass meine Selbstständigkeit ohne große Investitionskosten auskam. Mental hat mir sehr geholfen, dass ich aus einer Branche kam, in die ich im Notfall auch wieder zurückgehen können hätte. So ein Netz zu haben, gab mir in manchen Momenten Mut.
Rückblickend kann ich sagen: ich hatte wirklich keine Ahnung, worauf ich mich da eingelassen habe. Im UGP wird man so langsam ans Unternehmertum herangeführt, vielleicht auch, damit einem die selige Ignoranz nicht zu schnell verloren geht, was da auf einen zukommt. 😀
Wäre es manchmal schön, Buchhaltung und Risiko an eine:n Arbeitgeber:in abzutreten? Ja, schon. Nicht alles am Selbstständigsein macht Spaß und man muss sich teilweise motivieren können. Aber ich genieße schon auch die Freiheit und die Flexibilität in meinem Arbeitsalltag. Mir selbst aussuchen zu können, was ich machen will und wie, das ist schon enorm viel wert.
Inzwischen stelle ich auch selbst Produkte her: Für das ordentliche Lagern von Pfannen habe ich einen Einsatz für Schubladen entwickelt, den ich in Handarbeit selbst fertige. Das wollte ich machen, also hab ich es gemacht. Ganz, ohne einen Chef um Erlaubnis zu fragen. 😉

Was ist »grün« an deinem Unternehmen?
Julian Wareyka-Ruths: Ich sage: Hast du weniger, hast du mehr davon. Bewusste Konsumation ist für mich zentral – das beinhaltet auch, nur das wegzuwerfen, was wirklich Müll ist. Viele alte Sachen kann man auch zurück in Umlauf bringen, etwa durch Spenden an Hilfsorganisationen.
Wenn etwas wirklich weggeworfen werden muss, dann fahre ich zum Mistplatz und entsorge es korrekt. Diese Verantwortung gehört für mich dazu, wenn man etwas besitzt.
»Grün« ist auch der Überblick, den eine gute Ordnung schafft. Überblick vermeidet Doppelkäufe und vermeidet Müll.
Wie präsent ist das Thema der digitalen Ordnung in deinem Arbeitsalltag?
Julian Wareyka-Ruths: Ich sehe das Thema ganz stark im Kommen. Wir sind gerade in einer Übergangszeit – einerseits gibt es noch die Ordner im Regal, andererseits wächst auch der Anteil an elektronischen Dokumenten, Rechnungen, Verträgen, die entweder per Mail oder in irgendwelchen Portalen sitzen, von denen man nicht mehr weiß, was das Passwort war. Es gibt inzwischen sehr viele Orte, an denen wichtige Informationen liegen könnten und das ist der Punkt, an dem viele Leute den Überblick und die Kontrolle verlieren. Man verschiebt alles in einen Ordner im E-Mail Postfach oder am Desktop, der dann immer größer wird. Und man selbst wird immer angespannter.
Wenn ich eine gute Struktur aufsetze, dann hilft das nicht nur einem selbst, sondern schafft auch für andere Menschen die Möglichkeit, sich darin zurecht zu finden. Wenn ich der Einzige bin, der sich in meiner heiligen Unordnung auskennt, dann kann ich auch niemanden bitten, mir etwas abzunehmen. Es kann auch niemand einspringen, wenn ich selbst einmal außer Gefecht bin. Im Zusammenhang mit der Mental Load kann das ein gewaltiger Unterschied sein, wenn ich weiß, dass mein Ordnungssystem auch für andere nachvollziehbar und logisch ist.
Ein großer Faktor ist auch die Flut an Medien, die wir produzieren, wie zum Beispiel Fotos und damit verbunden das Thema Speicherplatz. Immer mehr von unserem Leben verschiebt sich aufs Handy. Handys sind in der Verwaltung von Dateien aber ganz anders und die Spreu vom Weizen zu trennen wird schnell zu einer Herkulesaufgabe. Da gilt es, Prozesse und Workflows aufzusetzen, die die Kommunikation zwischen Geräten so reibungslos wie möglich machen und bei denen alles schnell an seinen Platz findet. Ohne Nachdenken und ohne Stolpersteine, die den Schweinehund wecken.
Wofür brennst du als Unternehmer?
Julian Wareyka-Ruths: Ich brenne für den Moment, in dem ich meinen Kunden ein Gefühl von Freiheit geben kann. Das unmittelbare Feedback gibt mir unglaublich viel zurück. Dinge zu hören wie etwa »meine ganze Familie macht auf einmal mit, bin nicht mehr so allein im Halten von Ordnung« oder »Am liebsten würde ich jetzt im Abstellraum übernachten, so froh bin ich darüber« sind für mich die Bestätigung, dass meine Arbeit einen wirklichen Unterschied macht.
Ich fühle auch großen Stolz, den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt zu haben. Das motiviert mich jeden Tag. Und meine Arbeit macht mir einfach wirklich Spaß.
Vielen Dank für das Interview!
Das Interview führte Michaela Pasterk
Links/Kontakt:
Website: juwaru.at
Website Pfannen-Einsätze: pfanntastisch.at
Instagram: juwaru.ordnung
LinkedIn: Julian Wareyka-Ruths
Website der Ordnungsberater:innen in Österreich: ordnungsberater-oesterreich.at
