Chefin einer wundervollen Buchhandlung

Foto: Ulrik Hölzel

Zwei Dinge, die Petra Hartlieb laut ihrer Website niemals werden wollte: Unternehmerin und Chefin.

Beides ist sie mittlerweile seit über zwanzig Jahren. Gemeinsam mit ihrem Mann ist sie Inhaberin der Buchhandlung „Hartliebs Bücher« im 18. Wiener Gemeindebezirk. Nebenbei ist sie alle zwei Wochen im Literaturpodcast »Besser lesen mit dem Falter«“ zu hören, in dem sie Schriftsteller:innen zu aktuellen Veröffentlichungen interviewt. Und sie schreibt auch selbst: In ihrem Roman »Meine wundervolle Buchhandlung« (2014, erschienen bei Dumont) arbeitete sie ihren abenteuerlichen Weg ins Unternehmertum kreativ – und leicht fiktionalisiert – auf. Das Buch war international ein Erfolg und wurde in viele Sprachen übersetzt. 2025 erhielt sie den Leo-Perutz-Preis für Wiener Kriminalliteratur für ihr Buch »Freunderlwirtschaft« (2024, Dumont), den ersten Teil einer Polit-Krimiserie. Deren zweiter Teil »Buberlpartie« erscheint im August 2026.

»Die schreibende Buchhändlerin ist mein USP« sagt Petra. »Das sind quasi zwei Leben, die ich in mir vereine. Der Podcast ist ein drittes Leben, wobei ich da auch viel von meinem Netzwerk als Autorin profitieren kann. Irgendwie hängen sie alle zusammen, aber sie bringen mir eine Abwechslung an Erfahrungen, die ich extrem bereichernd finde.«

In die Buchbranche rutschte sie als Studierende und alleinerziehende Mutter über einen Nebenjob im Pressebüro eines Verlags – mit »jugendlichem Leichtsinn«, lacht sie. »Aber ich habe die Buchbranche dann als meine Berufung erkannt und wusste, dass ich mein Leben damit verbringen will. Also hab‘ ich das Geschichtestudium geschmissen und bin meinem Herzen gefolgt.«

Nachdem sie ihren heutigen Mann kennenlernte, verschlug es Petra samt Kind im Volksschulalter für fünf Jahre nach Hamburg, wo sie in einer Buchhandlung jobbte und Buchkritiken für den NDR und andere Medien verfasste. Der Plan war, langfristig in Hamburg zu bleiben.

»Und dann sind wir während der Sommerferien bei einem Besuch in Wien zufällig über eine Buchhandlung gestolpert, die kurz zuvor geschlossen hat« schmunzelt Petra. »Und wir haben im Spaß bei ein paar weißen Spritzern gemeinsam fantasiert, wie schön es denn nicht wäre, die Buchhandlung zu übernehmen. Es war natürlich alles nicht ernst gemeint – bis ich plötzlich mit Bekannten aus der Branche zu telefonieren begann und wir begonnen, uns schlau zu machen, wie man das denn wirklich angehen könnte. Und dann gab es kein Zurück mehr.«

Freunderlwirtschaft (Dumont, 2024)

Was bewegte dich am Ende dazu, dich mit einem Buchgeschäft selbstständig zu machen – und am Ende doch Chefin zu werden?

Petra Hartlieb: Der Klassiker: die romantische Idee vom Leben als Buchgeschäftsinhaberin. Den ganzen Tag von Büchern umgeben zu sein, in Büchern zu blättern und zu lesen und mit Menschen über Bücher zu plaudern… was gibt es denn Schöneres?

All die anderen Dinge, die damit einhergehen, nimmt man halt so hin. Vieles hat sich entwickelt, ganz ohne vorherige Planung und ich musste wohl oder übel mit den Veränderungen wachsen. Mein Bild von Chefs, zum Beispiel, lief immer an Stereotypen wie Dagobert Duck oder Mr Burns von den Simpsons entlang, was vielleicht erklärt, warum das für mich beruflich nie ein Ziel war. Aber irgendwann hatte ich acht Angestellte und musste für mich einen Weg in diese Rolle finden. Das war definitiv ein Lernprozess und kam mit vielen Erkenntnissen und Herausforderungen. Als Chefin betreffen meine Entscheidungen auch andere, die Worte, die ich wähle, haben ein anderes Gewicht als unter reinen Kolleg:innen, und so weiter. Chefin sein kommt mit eigenen Sorgen und Verantwortungen.

Und trotzdem: Ich bin sehr froh, dass ich das mache, was ich mache. Ich habe Freude an meiner Arbeit und ich kann selbstbestimmt arbeiten – zumindest meistens. Alle meine Tätigkeiten passen für mich wunderbar zusammen und ich möchte nichts davon missen.

Was sind deine größten Herausforderungen als Unternehmerin?

Petra Hartlieb: Rein persönlich ist das Thema Balance ein großes und wie ich die unterschiedlichen Bereiche meines Arbeitslebens so vereine, dass ich nicht an mir selbst zu zehren beginne. Ein weiteres, das mich in den letzten Jahren mehr beschäftigt ist das Thema Nachfolge. Meine Kinder machen beruflich etwas ganz anderes und ich mache mir schon Gedanken, was mit dem Geschäft passiert, wenn ich einmal in Pension gehen will.

Meine wundervolle Buchhandlung (Dumont, 2014)

Andere Herausforderungen sind eher strukturell und betreffen, denke ich, die meisten Kleinbetriebe oder Ein-Personen-Unternehmen: das Gefühl, dass sich die Politik nicht wirklich für uns interessiert. Mein kleiner Buchladen muss beispielsweise unter denselben Rahmenbedingungen laufen wie eine internationale Ladenkette, obwohl es verschwindend wenige Ähnlichkeiten in der Arbeitsrealität und wenig gemeinsame Interessen gibt. Da würde ich mir mehr Differenzierung zwischen großen Ketten und kleinen Familienbetrieben wünschen, sowohl in der Politik als auch im gesellschaftlichen Diskurs rund um »Unternehmen« und »Unternehmer:innen.«

Ich bin in meiner Haltung überzeugt »links«, immer schon gewesen, und es ist mir wichtig, meine Mitarbeiter:innen fair zu entlohnen. Aber bei einer 10%igen Lohnerhöhung laut Kollektivvertragsverhandlung musste ich eine:n Mitarbeiter:in entlassen, damit sich neben dem Geschäft mein eigenes Leben noch irgendwie ausgeht. Ich habe keine teuren Autos, keine extra Villen am See oder Luxusurlaube, die ich einsparen kann. Das kann man nicht mit den Realitäten eines Betriebs vergleichen, der jährlich Millionen oder Hunderttausende Euro an Profit fürs oberste Management macht.

Und ich will damit nicht sagen, dass Mitarbeiter:innen schlechter bezahlt werden sollten – im Gegenteil. Die sind ja genau so davon betroffen, dass alles immer teurer wird. Ich finde, die Politik braucht eine Lösung, um diese Ungleichheit zwischen Unternehmen abzufedern, sei es jetzt über gestaffelte Lohnnebenkosten, Förderungen, oder einen der vielen anderen Aspekte, die sie beeinflussen kann, wie Miet- und Energiepreise. Was für einen Großkonzern vielleicht unbequem ist, bedeutet für kleine Unternehmen oft den Unterschied zwischen Sein und Nichtsein und auf lange Sicht sind es die kleinen, regionalen Unternehmen, die draufzahlen.

Feine Läden WIEN erscheint im November 2026 bei Frederking&Thaler

Ich weiß auch, dass ich mit meiner Situation nicht alleine bin. In einem Bildband, an dem ich gerade arbeite und der im Herbst erscheint, stelle ich zwanzig Traditionsgeschäfte in Wien vor. Die Bilder werden durch Textporträts der Geschäfte ergänzt und der Tenor der Unternehmer:innen ist ganz klar: Rohstoffe werden immer teurer und keine:r der Inhaber:innen verdient mehr als die Angestellten.

Was ist »grün« an deinem Unternehmen?

Petra Hartlieb: Vor allem ich, lautstark. Dafür kassiere ich auch gern immer wieder eine Watsch’n. 🙂

Scherz beiseite, mit meinem Geschäft bin ich Nachbarin des Amtshauses eines Grünen Bezirks – und ich habe auch meinen Teil dazu beigetragen, ihn grün zu machen. Im Wahlkampf habe ich offen Farbe bekannt und mich für Silvia Nossek als Bezirksvorsteherin deklariert.

Ich finde, das ist auch wichtig – das Bekennen von Farbe. Ich sage offen: Ich wünsche mir die Währinger Straße als Fußgängerzone mit Straßenbahn und finde, es gibt viel zu viele SUV-Fahrer:innen im Bezirk. Ich habe zwar nicht immer die Energie, mit allen darüber zu diskutieren, warum es nicht vor jedem Geschäft zig Parkplätze braucht, aber ich freue mich über den Eindruck, dass die jüngere Generation in dieser Hinsicht mehr Bewusstsein an den Tag legt. Ich fahre selbst so gut es geht immer mit dem Rad.

Mir ist auch der soziale Aspekt am Grünsein wichtig. Schon als Studentin war ich aktiv in Linksgruppen und habe mich stark mit humanistischen und feministischen Werten identifiziert. Das tue ich auch heute noch.

Wofür brennst du als Unternehmerin?

Petra Hartlieb: Lustigerweise – und zum Glück – immer noch für das Produkt, das ich verkaufe: gute Bücher. Ich bin tief überzeugt, dass ich nichts anderes verkaufen könnte. Mir geht es um die Vermittlung dieser vielen Geschichten und den Schatz, den Bücher für uns Menschen und für uns als Gesellschaft darstellen.

Auch nach 20 Jahren beseelt es mich immer noch.

 

Vielen Dank für das Interview!

Am 13.9.2026 präsentiert Petra Hartlieb ihr neuestes Buch »Buberlpartie« im Stadtsaal in Wien im Gespräch mit Barbara Blaha. Alle Infos dazu unter hartliebs.at 

 

Das Interview führte Michaela Pasterk 

Links:

Website Buchhandlung Hartliebs: hartliebs.at
Website Petra Hartlieb: hartliebs.at/category/petra
Falter Buchpodcast: Besser lesen

Aktuelle Bücher:

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Feine Läden Wien