Welche Räume braucht die Zukunft?

Eva Lingg-Grabher hat in Wien Architektur studiert, in Hamburg im Bereich Stadtplanung promoviert und anschließend 10 Jahre an einem Institut der Fachhochschule St. Gallen zu sozialräumlichen Themen der Raumentwicklung geforscht. Seit 2024 führt sie das Büro für Raumentwicklung in Lustenau und arbeitet dabei mit einem Netzwerk von Fachleuten aus Architektur, Raumplanung, Geografie, Soziologie und Gestaltung zusammen. Sie begleitet Gemeinden in ihrer Wohnraumentwicklung, forscht zu Themen des Wohnens und Zusammenlebens, führt Quartiersentwicklungsprojekte durch und unterrichtet Studierende der Architektur im Wohn-Entwurf sowie in der Analyse öffentlicher Räume.
Was hat dich inspiriert, dich selbstständig zu machen?
Eva Lingg-Grabher: Das interdisziplinäre und forscherische Arbeiten an der Hochschule in der Schweiz hat mir sehr gefallen. Den Wunsch nach Selbstständigkeit hatte ich aber schon lange, eigentlich schon gleich nach dem Studium. Für das, was ich machen wollte – Stadtentwicklung, Ortsentwicklung – fehlte mir damals noch die Tiefe, und klassisch in einem Architekturbüro arbeiten wollte ich nie. Also erstmal forschen und weiter lernen.
In dieser Zeit habe ich auch zwei Kinder bekommen und meine Doktorarbeit geschrieben. Mit meinem Mann, der ein Architekturbüro hat, haben wir auch noch unser Mehrgenerationenreihenhaus geplant und bezogen. Alles innerhalb von vier, fünf Jahren – das war stressig, aber ich habe auch gemerkt, dass unterschiedliche Dinge gleichzeitig machen auch Freude bringen kann.
Ich wollte neben dem Forschen unbedingt wieder mehr planend tätig sein – und in meiner Heimat arbeiten, dort wo ich mit meiner Familie wohne, wo meine Kinder in die Schule gehen. Als ich dann gemerkt habe, dass meine Fachrichtung auf dem Markt noch wenig vertreten ist, und ich gute Leute in meinem Umfeld hatte, mit denen ich zusammenarbeiten konnte, war der Schritt in die Selbstständigkeit schnell gemacht.
In meinem Umfeld habe ich viele Unternehmer:innen, und ich denke, ich hatte dadurch ein recht realistisches Bild von der Selbstständigkeit: eigene Verantwortung, sich reinhängen, auch mal schlechtere Zeiten haben, aber sich auch mal Freiheiten nehmen können.
Der Abschied von der Professur an der Fachhochschule fiel mir trotzdem nicht leicht – es war ein toller Job in einem super Team, und ich habe dort irrsinnig viel gelernt.
Was ist »grün« an deinem Unternehmen?
Eva Lingg-Grabher: Zukunftsfähige Raumentwicklung heißt für mich, für zukünftige Generationen vorausschauend zu planen. Welche Wohnräume brauchen wir in 20 oder 50 Jahren? Wie können wir Räume für Schule, Kindergarten, Kinderbetreuung angesichts vieler Herausforderungen sinnvoll weiterentwickeln? Wie gelingt ein gutes Zusammenleben verschiedener Menschen und Generationen mit ihren unterschiedlichen Perspektiven und Anforderungen – und welche Räume braucht es dafür? Das sind so typische Fragen aus meinem Arbeitsalltag.
Ich setze mich ein für einen sparsamen Umgang mit Boden, ein gutes Zusammenleben, nachhaltige Mobilität, sichere und schöne öffentliche Räume, Platz für Kinder und Jugendliche, gute Bildungsräume. Das sind grüne Themen, denke ich.

Ich versuche auch viel zu „teilen“ bzw. muss ich das als Einzelunternehmerin sowieso: meine Projekte zum Beispiel, indem ich mit anderen Büros zusammenarbeite, oder meine Infrastruktur, da ich im Architekturbüro Dworzak-Grabher untergekommen bin. Ich fahre wenn möglich mit Rad und Zug und ansonsten leihe ich mir ein Auto, da ich kein eigenes habe.
Wofür brennst du als Unternehmerin?
Eva Lingg-Grabher: Wenn aus einer guten Frage eine gute Antwort wird – und die dann tatsächlich irgendwo umgesetzt wird. Ich möchte nichts für die Schublade produzieren, das ist mir wirklich wichtig. Raumentwicklung betrifft alle Menschen, die in einem Ort leben oder arbeiten oder es in Zukunft tun werden. Und wenn ich merke, dass unsere Arbeit dabei etwas bewegt, dann ist das der Moment, für den ich das alles mache.
Vielen Dank für das Interview!
Das Interview führte Michaela Pasterk
Links:
Website: www.raumlink.at
Linkedin: Eva Lingg-Grabher
