Von Wiesen in die Wirtschaftskammer

© Giovani Mafrici

Das Festivalgelände Wiesen im Burgenland in den 1990ern: der erste Arbeitsplatz und der Beginn einer Karriere in der Musikwirtschaft für den damals 19-jährigen Hannes Tschürtz.

»1983 bekam ich ein Radio geschenkt« erinnert er sich schmunzelnd. »Von da ab hab‘ ich immer Musik gehört. Und zwar unabhängig von Genre – in der Schule kannte man mich als den Uncoolen, der sowohl Nirvana als auch Mariah Carey hörte.«

Bei seinem Job in Wiesen lernte Hannes die Band Garish kennen und begann, sie in organisatorischen und administrativen Bereichen zu unterstützen. Es dauerte nicht lange, da traten weitere Bands auf ihn zu und Hannes avancierte zum Bandmanager. Je mehr er sich mit den größeren Zusammenhängen der Branche beschäftigt, desto stärker fiel ihm vor allem eins auf: da gibt es einige Baustellen in der österreichischen Musikwirtschaft.

Heute ist er Inhaber seines eigenen Plattenlabels InkMusic, das heuer sein 25-jähriges Jubiläum feiert. Unter anderem sitzt er auch im Vorstand des österreichischen Musikfonds, im Vorstand des Berufsverbands der österreichischen Musikindustrie (IFPI) und als Obmann im Fachverband der Film- und Musikwirtschaft. Auch im Dachverband unabhängiger Tonträgerunternehmen, Musikverlage und Musikproduzenten Österreichs (VMTÖ) war er 6 Jahre lang Teil des Leitungsteams.

»Musik hat gerade so, wie wir sie leben, große gesellschafts- und kulturpolitische Relevanz« ist Hannes überzeugt. »Die Indie-Musikszene ist es, die den größten kulturellen Beitrag in Österreich leistet.«

Seine Liebe zur Musik ist auch nach 30 Jahren in der Branche ungebrochen. Im Regal hinter seinem Schreibtisch steht sein Buch »Unnützes Musikwissen« (2024, Verlag Buchschmiede), in dem Hannes Anekdoten und Geschichten aus der Welt der Popmusik zusammenträgt. Daneben findet sich in prominenter Platzierung Kylie Minogues Album »Kylie« (1988).

Was hat dich inspiriert, dich selbstständig zu machen?

Hannes Tschürtz: Mein Sturschädel. 😉

Ich wollte die Freiheit haben, eigenen Visionen folgen zu können – auch auf die Gefahr hin, ab und an auch einmal an eine Wand zu laufen. Diesen Preis zahle ich gerne, wenn ich es zumindest auf meine eigene Art machen kann.

Ein bisschen kam die Selbstständigkeit auch als Reaktion auf die Umstände. In den frühen 2000ern, als das Internet und auch die Online-Piraterie mit Napster und co. so richtig aufkamen, bedeutete das einen Kahlschlag für breite Teile der Musikindustrie. Plattenverkäufe brachen ein, drei große Musiklabel bauten massiv Stellen ab, jede Menge Investitionskapital ging mehr oder weniger über Nacht verloren.

Eine meiner Bands war damals auf der Suche nach einem Label. Das ist selten leicht, aber damals in der Wirtschaftslage war es aussichtslos. Also war die einzige Lösung, es halt selber zu machen. Und ich hab mich sozusagen »geopfert« und ein eigenes Label für Musik, die ich gut fand, gegründet.

Im Kern ging es mir – und geht es mir ehrlich gesagt auch heute noch – einfach darum, Musik, die ich leiwand finde mit der Welt zu teilen. Das ist so mein intrinsischer Antrieb als Unternehmer: mehr von dem zu hören, was ich gut finde.

Was war die größte Herausforderung für dein Label in den 25 Jahren seit der Gründung?

Hannes Tschürtz: Die Musikbranche ändert sich in Wirklichkeit alle 4-5 Jahre fundamental. Die Art, wie man heute Musik hört und vermarktet, hat überhaupt nichts mehr damit zu tun, wie es in meiner Kindheit oder Jugend, oder auch bei der Gründung meines Labels war. Das ist eine ganz andere Welt, die sich auch ständig im Bewegung befindet.

Das zu navigieren und zu schauen, dass der Laden halbwegs gut läuft ist aus wirtschaftlicher Perspektive die größte Herausforderung. Das hält es einerseits spannend und interessant, ist aber auch frustrierend, weil es keine Stabilität oder Sicherheit gibt, weder auf persönlicher noch auf unternehmerischer Ebene.

Alles hat sich verändert und verändert sich laufend weiter.

Würdest du sagen, es verändert sich hin zu einer besseren oder faireren Musikbranche?

Hannes Tschürtz: Weder ja noch nein. Die Musikbranche ist immer ein Spiegelbild der Gesellschaft, wenn sie ihr nicht sogar ein wenig voraus ist. Der illegale Download-Boom der frühen 2000er entstand aus einer Euphorie über neue technische Errungenschaften heraus und führte direkt in eine wirtschaftliche Krise. Aus der Krise heraus entwickelten sich wiederum neue Möglichkeiten, Musik zu machen. Inzwischen werden wir vom Angebot regelrecht überflutet.

Einerseits kann man schon sagen, dass es heute mehr Zugänge zur Branche gibt. Technische Entwicklungen haben vieles demokratisiert, in gewisser Weise ist die Musikwelt offener als noch vor 25 Jahren. Gleichzeitig tun sich vielerorts tiefe Abgründe auf, was Machtverhältnisse und Abhängigkeitsdynamiken angeht. Ohne jetzt ins Detail zu gehen – es läuft auch viel gewaltig schief.

Ein allgemeines Urteil, ob es besser und fairer wird, traue ich mich nicht abzugeben. Es ist anders – so oder so.

Hannes Tschürtz, Unnützes Musikwissen (Buch, inkmusic/Buchschmiede)

Was ist »grün« an deinem Unternehmen?

Hannes Tschürtz: Wir stellen unser gesamtes Handeln unter das Motto »Artist First.«

Das fasst für mich viele uns wichtige Themen von Fairness bis mentale Gesundheit zusammen, hört aber dort nicht auf. Ich bin in diese Welt mit dem Ziel gestartet, Musiker:innen mehr Möglichkeiten zu geben, von ihrem künstlerischen Schaffen auch tatsächlich leben zu können. Und ja, das »davon auch leben können« klingt so krass wie es sich in der Realität zeigt.

Es gibt nach wie vor diese romantische Vorstellung des Musikerdaseins, die motivierten Künstler:innen vorgehalten wird, um ihnen das Tor zur Hölle aufzumachen. Die Branche übt enormen Druck bei schlechter Bezahlung und katastrophalen Arbeitsbedingungen aus. Burn-out ist immer eine Gefahr, wenn man ein Hobby zum Beruf macht und die Musikindustrie fordert hohe Opferbereitschaft. »Meine« Künstler:innen sind zum Glück sehr gut darin, mit dem Druck umzugehen, aber enorm viel Talent geht der Branche durch diese Bedingungen leider verloren.

Das ist auch ein Grund, warum ich mich in der Wirtschaftskammer engagiere. Der Musikfonds war beispielsweise ein guter Schritt in die richtige Richtung. Der verbessert die Arbeitsrealität der Musiker:innen enorm, aber davon braucht es viel mehr! Die Förderlandschaft muss besser aufgestellt werden und Investitionskapital muss bereitgestellt werden. Die Grüne Wirtschaft setzt sich bereits seit 20 Jahren in der Wirtschaftskammer intensiv dafür ein und Georg Tomandl hat große Fußstapfen hinterlassen, die ich mich bemühe zu füllen.

Es ist viel gelungen und trotzdem noch viel zu tun.

Wofür brennst du als Unternehmer?

Hannes Tschürtz: Die Musikwirtschaft ist ein extrem schwieriges Spielfeld für alle Beteiligten vor und hinter den Vorhängen. Ich brenne dafür, das zum Besseren zu verändern. Heuer werden es 25 Jahre, die ich mit meinem Label an dieser Vision arbeite – und meine Motivation ist ungebrochen.

Ich brenne auch ein bisschen dafür, Österreich als Land etwas mehr Selbstbewusstsein einzuhämmern. 😉 Wir haben tief im Hinterkopf, glaube ich, die Überzeugung, dass österreichische Musik ein bisschen minderwertig ist, dass Musik aus dem anglophonen Raum oder aus Deutschland irgendwie besser ist als unsere eigene.

Aber ganz ehrlich? Viele internationale Künstler:innen beneiden Österreich um seine Musiklandschaft und den künstlerischen Output, der hier entsteht. Wir brauchen hierzulande, glaube ich, ein stärkeres Selbstvertrauen in das eigene Schaffen.

Das würde auch der Wirtschaft helfen.

 

Vielen Dank für das Interview!

Das Interview führte Michaela Pasterk

Links/Kontakt:

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Bluesky: @hannestschuertz.com
LinkedIn: Hannes Tschürtz