Aus der Krise in die Wirkung

»Wie kann ich langfristig gesund bleiben?«
Diese Frage beschäftigte Ingrid Hilmer oft. Über 25 Jahre war sie als Diplom Gesundheits- und Krankenpflegerin tätig und dabei oft mit der Kehrseite von Gesundheit konfrontiert – bei ihren Patient:innen sowie bei ihren Kolleg:innen und sich selbst.
Über 20 Jahre lang machte sie daher nebenbei Yoga als Ausgleich zu ihrem fordernden Berufsalltag und absolvierte schließlich auch die Ausbildung zur Yogalehrerin. »Ich habe erkannt, dass es mehr braucht, als nur einmal die Woche zum Yoga zu gehen« erzählt sie im Interview. »Gute zehn Jahre habe ich nebenbei auch Yogastunden gehalten, um einen Gegenpol zum Pflegealltag zu haben.«
Um besser mit dem Stress, den Konflikten und den Emotionen aus der Krankenpflege umgehen zu können, schloss Ingrid noch eine Ausbildung zur Mentaltrainerin an.
»Das brachte mir einen zusätzlichen Boost« erzählt sie. »An je mehr kleinen Schrauben ich drehen lernte, desto besser konnte ich gesündere Gedankenroutinen in meinem Leben etablieren. Und desto leichter folgten auf Gedanken auch Handlungen.«
Für Ingrid führte der Weg dadurch immer weiter in die Selbstständigkeit. Als sich ihr Kund:innenstamm über die Jahre weiter aufbaute, konnte sie Stunden in der Krankenpflege nach und nach reduzieren. Inzwischen ist sie seit zwei Jahren vollkommen selbstständige Yogalehrerin und Mentaltrainerin.
Ihr Fokus liegt stark auf Firmenkund:innen, für die sie direkt zu den Arbeitsstätten kommt. »Immer mehr Firmen entwickeln ein Bewusstsein für Gesundheit am Arbeitsplatz und bieten Gesundheitstage, Yoga auf dem Bürostuhl, oder Workshops zu Stressmanagement und -prävention an. Wichtig ist mir in meiner Arbeit, alltagstaugliche Strategien für jeden Menschen und Körper individuell anzubieten.« Ihr Angebot reicht von einmaligen Impulsvorträgen über ganztägige Workshops zum Thema Selbstfürsorge bis hin zu mehrwöchigen Kursen.
Für Privatkund:innen bietet Ingrid Kurse sowohl online als auch in unterschiedliche kleine Studios eingemietet an. In den Stunden dreht sich alles darum, wie man gut für sich sorgen kann und wie man Gewohnheiten durchbrechen und den eigenen Schweinehund überwinden kann.
Ihre jahrelange Erfahrung in der Krankenpflege ließ Ingrid zuletzt auch in ein Buch fließen: Unter dem Titel »Selbstfürsorge für Pflegekräfte Mit Yoga und Mentaltraining kraftvoll im Beruf« (erschienen 2024 bei Facultas) arbeitete sie ihre eigenen Erkenntnisse auf und machte sie anderen Pflegekräften zugänglich. »Ich hatte den starken Wunsch, das Buch für die Berufsgruppe zu schreiben. Im Sozial- und Pflegebereich stößt man oft und schnell an seine mentalen und körperlichen Grenzen. Ich wollte diesen Menschen helfen, mit den Ansätzen, die mir selbst auch geholfen haben, Selbstfürsorge zu leben und sich selbst ein bisschen hoch zu ziehen, wenn die Belastung spürbar wird.«
Was hat dich inspiriert, dich selbstständig zu machen?
Ingrid Hilmer: Das mit der Selbstständigkeit war für mich so ein schleichender Prozess über viele Jahre hinweg. Angefangen hat es mit einzelnen Yogastunden und einer allgemeinen Frage, die mich sehr beschäftigt hat: Was will ich vom Herzen her leben, was kann ich in der Welt beitragen?
In meinem ursprünglichen Beruf drehte sich die Arbeit um Krisen aller Art, wie ich ja an meinem eigenen Geist und Körper erfahren hatte. In meinem Buch geht es darum, aus diesen Erfahrungen neue Quellen für Lebenskraft zu finden und zu erschließen. Es sollte anderen helfen und sie inspirieren.
Es war aus diesem Impuls heraus, etwas weitergeben zu wollen, dass ich mich schließlich Schritt für Schritt selbstständig gemacht habe. Das erlaubte mir, Vorhaben und Ideen uneingeschränkter und kreativer umzusetzen.
Natürlich ist es auch ein Auf und Ab – es gibt Rückschritte und dann wieder Sprünge nach vorne – aber wenn man für was brennt, kommt auch die Kraft immer wieder.
Wärst du auch für ein weiteres Buchprojekt zu haben?
Ingrid Hilmer: Wenn ich eine geniale Idee bekomme, absolut. Aktuell drängt sich noch keine auf. 😉
Mein Buch zu schreiben war ein Herzenswunsch von mir. Meine persönlichen Erfahrungen und Learnings darin aufzuarbeiten und für andere zugänglich zu machen war ein ganz starker Motivator, um das Buch wirklich fertig zu bekommen und abzugeben.
Ich hatte auch das Glück, dass der Verlag mich über meine Homepage für Yogastunden fand und von sich aus kontaktierte. Sie waren speziell auf der Suche nach jemandem mit Praxis in der Pflege, der auch Kenntnisse aus dem Mentaltraining mitbringt. Inhaltlich hatte ich bei dem Buch viel Gestaltungsraum.
Was ist »grün« an deinem Unternehmen?
Ingrid Hilmer: Der Raum, Dinge zu hinterfragen und Zusammenhänge zu entdecken. Bewusstseinsarbeit führt schnell zu der Erkenntnis, dass wir alle teil eines Ganzen sind. Auch im Yoga ist diese Idee von Einheit und Verbundenheit zentral.
Wenn ich einen gesünderen Lebensstil gestalten will, dann stellen sich zum Beispiel Fragen wie »Wo kommen meine Lebensmittel her?« und »Welchen Unterschied machen Bio-Produkte für mich persönlich und für die Umwelt?« Ich merke immer mehr, wie weitreichend kleine Entscheidungen wirken können –auf die Gesellschaft und unser eigenes Wohlbefinden.

Das »Grüne« an meinem Unternehmen sind die vielen kleinen Dinge, derer man sich bewusst wird und die man Schritt für Schritt hinterfragen kann. Nehme ich doch lieber das Bio-Produkt? Muss es jeden Sonntag ein Schweinsbraten sein? (Dass selbst ich mit meinen bayerischen Wurzeln heute vegetarisch lebe, hätte ich früher wohl nicht gedacht. 🙂 ) Setze ich mich für jede kleine Strecke ins Auto? Was davon tut mir gut, welche Muster dienen meinem Wohlbefinden und welche kann ich aufbrechen oder anders gestalten?
Mir ist wichtig, dass sich auch meine Kund:innen den Raum geben können, ihre eigenen Schritte zu machen und ihr eigenes Verhalten zu verstehen. Ich möchte sie dazu ermächtigen aktiv zu gestalten anstatt sich in starren Mustern zu bewegen. Das muss von innen kommen, damit es vorwärts gehen kann.
Wofür brennst du als Unternehmerin?
Ingrid Hilmer: Für ein gutes Leben für alle und für eine gesündere Gesellschaft allgemein. Das hat ja verschiedene Ebenen, aber ich brenne dafür, ein Teil davon sein zu können und positive Veränderungen zu inspirieren. Als Unternehmerin finde ich es schön, meinen eigenen Weg auf meine Art und Weise gehen zu können und mitzuwirken.
Ich glaube fest daran: Wenn wir alle ein bisschen mehr Raum kriegen, schafft das Platz für Weisheit und ein Bewusstsein, dass wir alle ein Teil eines viel größeren Ökosystems sind.
Vielen Dank für das Interview!
Das Interview führte Michaela Pasterk
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