Über 72.000 EPU: Das Rückgrat der Wiener Wirtschaft muss gestärkt werden.

Das Wiener Wirtschaftsparlament hat getagt

Kein Unternehmen in Wien hat 72.000 Mitarbeiter:innen. Aber es gibt über 72.000 EPU, die täglich die Wiener Wirtschaft tragen – in jedem Grätzl, in jeder Branche, oft unsichtbar und doch unverzichtbar. Sie sichern Nahversorgung, Innovation und Dienstleistungen. Sie reagieren schnell auf Veränderungen, entwickeln neue Geschäftsmodelle und halten wirtschaftliche Strukturen auch dort aufrecht, wo große Unternehmen längst verschwunden sind.

Und dennoch: Wer krank wird, verdient nichts. Wer keine Aufträge hat, hat keine Reserven. Viele arbeiten 60, 70, manchmal 80 Stunden pro Woche – nicht aus Idealismus, sondern weil der wirtschaftliche Druck kaum eine andere Wahl lässt.

„Kein Unternehmen in Wien beschäftigt 72.000 Mitarbeiter:innen, aber über 72.000 EPU tragen täglich die Wiener Wirtschaft. Genau diese Realität muss endlich im Zentrum der Wirtschaftspolitik stehen“, so Sonja Franzke, Regionalsprecherin der Grünen Wirtschaft Wien.

Sonja Franzke © Florian Wieser
Sonja Franzke © Florian Wieser

Beim heutigen Wiener Wirtschaftsparlament haben wir gefordert, was längst überfällig ist: eine Wirtschaftskammer, die die Interessen von EPU wirklich ernst nimmt und sie tatsächlich repräsentiert. Konkret: bessere soziale Absicherung, mehr Förderungen für betriebliche Energieeffizienz und erneuerbare Energien – gerade weil auf Bundesebene genau diese Programme massiv gekürzt wurden – sowie finanzielle Unterstützung für IT- und KI-Tool-Lizenzen, die für EPU eine spürbare und oft unterschätzte Kostenbelastung darstellen.

Und wir haben die Kammer selbst in die Pflicht genommen: Mit unserem Antrag für einen Verhaltenskodex wollen wir sicherstellen, dass die WKW nicht nur nach außen Verantwortung predigt, sondern sie auch nach innen lebt – mit klaren Strukturen, einer unabhängigen Anlaufstelle und einem respektvollen Miteinander für alle.

Hans Arsenovic © Florian Wieser
Hans Arsenovic © Florian Wieser

Darüber hinaus fordern wir dringend eine Reform des Wahlrechts: Hans Arsenovic, Delegierter der Grünen Wirtschaft und Vizepräsident der WK Wien, machte im Plenum deutlich, dass diese hoch an der Zeit ist: „Wer eine starke Interessenvertretung will, muss auch daran arbeiten, dass sich Mitglieder vertreten fühlen und sich beteiligen können.“ Bei den Wirtschaftskammerwahlen 2025 lag die Wahlbeteiligung in Wien bei historisch niedrigen 25,32 Prozent – ein Alarmzeichen, das strukturelle Antworten und gemeinsame Reformanstrengungen braucht.

© Florian Wieser
© Florian Wieser

Unsere vier Anträge und Erläuterungen dazu findest du hier:

Antrag 1: EPU als tragende Säule der Wiener Wirtschaft stärken ❌ keine Mehrheit

Die Grüne Wirtschaft begrüßt angekündigte Entlastungen wie die Senkung der Lohnnebenkosten oder Diskussionen über geringere Kammerumlagen. Gleichzeitig geht vieles an der Realität von EPU schlicht vorbei. „Über 60 Prozent der Wiener Unternehmen sind EPU. Wer alleine arbeitet, zahlt keine Lohnnebenkosten für Mitarbeiter:innen. Viele angekündigte Entlastungen greifen daher schlicht nicht“, so Franzke.

Wir fordern daher, dass sich die WKW klar bekennt und handelt:

  • Krankengeld ab dem 4. Krankenstandstag statt wie bisher nach 42 Tagen – wer krank ist, kann nicht arbeiten, wer nicht arbeitet, verdient nichts.
  • Anspruch auf Arbeitslosengeld nach einem Jahr Erwerbstätigkeit, analog zu Angestellten – Selbstständigkeit darf kein Schutzlosigkeitsrisiko sein.
  • Abschaffung der Mehrfachversicherungspflicht für hybride Unternehmer:innen.
  • Wiedereinführung des EPU-Centers und einer eigenen EPU-Sprecher:innen-Funktion in der WKW.
  • Kostenlose präventive Krisenberatung – nicht erst bei drohender Insolvenz, sondern bevor die 4.000 Euro weg sind.
  • Temporäre WKO-Beitragsreduktion in Krisenzeiten für EPU und Kleinstbetriebe.
  • Grundpension von 1.200 Euro für Selbstständige – insbesondere für Frauen, deren durchschnittliche Nettopension bei erschreckenden 830 Euro liegt.

Antrag 2: Energieautarkie für alle Wiener Unternehmen ✅ angenommen

Was im Februar 2026 im Persischen Golf begann, spürten Wiener Unternehmer:innen wenig später an der Tankstelle, in der Energieabrechnung, in der Kalkulation. Die Sperrung der Straße von Hormus ließ die Energiepreise explodieren. Es ist nicht das erste Mal: 2022 hat der

Eva Kelety-Troyer © Florian Wieser
Eva Kelety-Troyer © Florian Wieser

russische Angriffskrieg auf die Ukraine gezeigt, was fossile Abhängigkeit wirklich bedeutet. Die Botschaft ist dieselbe: Wer von fossilen Energieträgern abhängig ist, überlässt seine Kostenplanung geopolitischen Entwicklungen, die er nicht beeinflussen kann.

Gleichzeitig wurden in den letzten Jahren niederschwellige Förderprogramme für EPU und Kleinunternehmen gestrichen oder sind ausgelaufen und das Klimabudget auf Bundesebene um über 50 Prozent gekürzt. Genau jene Investitionsanreize fehlen, die EPU und KMU jetzt dringend bräuchten.

Hier gelang heute ein wichtiges Signal: Auf Initiative der Grünen Wirtschaft Wien wird sich die Wirtschaftskammer Wien künftig aktiv für den Ausbau von Förderprogrammen für betriebliche Energieeffizienz und erneuerbare Energien einsetzen. Gerade angesichts massiver Kürzungen beim Klimabudget auf Bundesebene ist das ein klares Bekenntnis: Ökologie und wirtschaftliche Vernunft sind keine Gegensätze, sondern zwei Seiten einer Medaille.


Antrag 3: Verhaltenskodex – Die WKW als Vorreiterin ❌ keine Mehrheit

Die WKO Österreich hat im März 2026 einen Verhaltenskodex für respektvolle Zusammenarbeit beschlossen. Ein wichtiger Schritt. Was aber noch fehlt, ist eine vergleichbare Struktur und anonyme Meldestellen für alle, die in und mit der Kammer wirken: Mitglieder, Unternehmer:innen, Funktionär:innen. Gerade für EPU, die täglich in Berufen mit Kundenkontakt, körperlicher Nähe oder Abhängigkeiten von Auftraggeber:innen arbeiten, braucht es eine niederschwellige Anlaufstelle – vertraulich, unabhängig, für alle.

Mathias Gartner-Breitenfelder © Florian Wieser
Mathias Gartner-Breitenfelder © Florian Wieser

Wir haben eine überparteiliche Arbeitsgruppe gefordert, die konkrete Maßnahmen erarbeitet: ein vertrauliches Meldesystem, Schulungsangebote der Gleichbehandlungsanwaltschaft für Funktionär:innen und eine zentrale Beratungsstelle.

Christian Faulmann © Florian Wieser
Christian Faulmann © Florian Wieser

Zum Entsetzen unserer Fraktion fand der Antrag heute keine ausreichende Unterstützung. „Gerade Interessenvertretungen müssen bei Transparenz, Fairness und respektvollem Umgang mit gutem Beispiel vorangehen und proaktiv Strukturen für einen fairen Umgang miteinander schaffen.“, so Franzke.


Antrag 4: Digitale Souveränität für EPU und KMU❌ keine Mehrheit

KI und digitale Tools entwickeln sich zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor. Für EPU und Kleinunternehmen sind die laufenden Lizenz- und Abokosten aber oft eine spürbare Belastung: Je nach Branche kommen monatlich 80 bis 200 Euro zusammen, für spezialisierte Kreativ- oder Digitalberufe oft über 2.000 Euro jährlich. Ein EPU hat keine IT-Abteilung, keine Rechtsabteilung, keine Compliance-Verantwortlichen. Die Kammer könnte diese Lücke füllen.

Wir fordern ein Fördermodell der WKW für IT- und KI-Tools, kammerweite Rahmenvereinbarungen für vergünstigte Sammellizenzen sowie Anreize für europäische und österreichische Lösungen. KI darf kein Privileg der Großen sein.

 

Wie gehts weiter? Ein Antrag angenommen, die anderen ohne die nötige Mehrheit: das ist die Bilanz des heutigen Tages. Für die vielen EPU in Wien, die morgen früh wieder alleine ihren Laptop aufklappen, ihre Kund:innen anrufen und ihre Rechnungen schreiben, ändert sich damit erst mal wenig. Genau das treibt uns an. Die sozialen Lücken bleiben offen, die Energiekosten bleiben ein Risiko, die Frage nach fairen Strukturen in der Kammer bleibt gestellt. Wir bleiben dran für die größte Unternehmer:innen-Gruppe in Wien, die über 72.000 EPU.

Hier findest du unsere Anträge des Wiener Wirtschaftsparlaments vom 20.05.2026 im Wortlaut: https://www.gruenewirtschaft.at/assets/uploads/2026/05/wpmai2026-gruenewirtschaft-alleantraege.pdf