Expertise statt Echokammer

Michael Kellermann (links) & Philip Herberstein (rechts), Fotos: Harald Lachner

Philip Herberstein und Michael Kellermann sind seit über 25 Jahren beste Freunde. Als passionierte Rollenspieler und Geschichtenerzähler waren sie eine Weile mit ihrem Tischrollenspiel auf YouTube zu sehen, trainierten gemeinsam traditionell japanisches Jiu Jitsu und gründeten schließlich ein gemeinsames Unternehmen: KI KANN ICH. Ihr Angebot umfasst Schulungen und Workshops rund um den sinnvollen und reflektierten Einsatz von KI-Anwendungen.

Philip kommt ursprünglich aus dem Multimedia-Bereich: Sein Studium an der SAE schloss er mit einem BA über die Middlesex University London ab. Auch wenn er danach 16 Jahre als professioneller Tätowierer arbeitete – mit Studio, Lehrlingen und allem, was dazugehört – begleiteten ihn multimediale Tools auch dabei ständig.

»Ich merkte, dass KI über verschiedene Softwares hinweg immer präsenter wurde« erzählt er und hebt dabei einen Moment vor ca. 2 Jahren konkret hervor: »Als ChatGPT ‚sprechen lernte‘ war meine Neugier geweckt. Damals war der Diskurs sehr analytisch und statistisch geprägt, aber mich hat interessiert, wie KI sich als Spiegelungstool im Storytelling verhält – in Szenarien, wo es kein faktisches Richtig oder Falsch gibt.«

Er testete die Fantasiefähigkeit von ChatGPT, indem er im Dialog mit der KI eine Geschichte konzipierte, in der eine KI in eine physische Form eingesetzt wird. Der Name, den die KI für diese fiktive KI vorschlug: Echo. Über 20 Folgen hinweg erforschte Philip durch dieses Format die Reichweite und Grenzen der KI-Vorstellungskraft. Er testete auch Elon Musks berüchtigte KI Grok in einem Podcast – ein augenöffnendes Gespräch und für Interessierte einen Blick wert.

Foto: Harald Lachner

Diese Experimente, sagt er, verschafften ihm einen Blick für die Meta-Ebene von KI und schon bald war er überzeugt: »Ich muss den Kelli kontaktieren – wir müssen da gemeinsam was aufbauen.«

Michael »Kelli« Kellermann kommt aus dem Bereich EDV- und IT und war darüber hinaus viele Jahre als Spezialist für digitale Effekte und Postproduktion im Film- und Videobereich in Österreich tätig. Unter anderem arbeitete er auch an Gregor Schmidingers Film Nevrland (2019) mit, der den österreichischen Filmpreis erhielt und bei dem Kelli für Colour-Grading in der Postproduktion zuständig war.

»Auch in der Filmbearbeitung schleicht sich KI schon seit vielen Jahren ein« erzählt er. »Noch bevor Large Language Models auf den Markt kamen, wurden bereits unterschiedliche und oft sehr spezifische KI-Lösungen in Softwares integriert.«

Aus all ihren individuellen Erfahrungen und gemeinsamen Überlegungen rund um das Thema KI entstand schließlich KI KANN ICH – und kam bei ihrer Zielgruppe mehr als gut an.

»Unsere Freundschaft macht uns zu einem guten Double Act« sind sich die beiden einig. »Wir haben Spaß bei unseren Vorträgen und das geht auch auf unser Publikum über.«

Wie seid ihr auf euer Unternehmenskonzept gekommen?

Philip & Michael: Wir haben uns über Jahre hinweg intensiv mit künstlicher Intelligenz beschäftigt und dabei sowohl ihr enormes Potenzial als auch die damit verbundenen Herausforderungen kennengelernt. Da uns ein verantwortungsvoller Umgang mit Umwelt und Gesellschaft, mit Arbeitsrealitäten und dem konkreten Impact auf Menschen wichtig ist, wollten wir diese faszinierende neue Technologie nicht unreflektiert nutzen.

Foto: Harald Lachner

Stattdessen war für uns klar: Wir müssen das Thema von Grund auf verstehen und für uns sauber aufarbeiten.

Wir wollten vor allem unsere Erkenntnisse so formulieren und weiterdenken, dass wir neue Sichtweisen und praktische Zugänge zur Arbeit mit KI auch für andere nachvollziehbar machen können. Genau dort liegt der Ausgangspunkt von KI KANN ICH.

Heute sind wir mit KI KANN ICH für unterschiedlichste Unternehmen und Organisationen als Vortragende und Workshop-Leitende tätig. Unser Kundenkreis ist dabei bewusst breit gefächert und reicht von Unternehmen über sozial engagierte Organisationen bis hin zur Grünen Parteiakademie FREDA. Diese Vielfalt hat unsere Überzeugung bestärkt, dass sich alle Branchen mit KI auseinandersetzen sollten, um die Tragweite dieser neuen digitalen Epoche zu erkennen und angemessen darauf reagieren zu können.

Unser übergeordnetes Ziel ist nicht, ein bestimmtes Produkt oder eine konkrete Anwendung zu bewerben, sondern es Kund:innen möglich zu machen, zu »KI Architekt:innen« zu werden und in ihrem Kontext und innerhalb der Zielsetzung ihrer Strukturen KI durchdringend verstehen, anwenden und immer neu bewerten zu können.

Was ist »grün« an eurem Unternehmen?

Philip & Michael: Gerade KI-Systeme und insbesondere Large Language Models wie ChatGPT oder Gemini sind im laufenden Betrieb nach wie vor ressourcen- und energieintensiv. Das wollen wir nicht beiseite wischen, sondern zum zentralen Fokus machen.

Umso wichtiger ist eine fundierte Schulung: Sie befähigt dazu, Modelle effizient einzusetzen, und über klar strukturiertes Prompting eine präzise und zielgerichtete Kommunikation zu etablieren. Auf diese Weise lassen sich unnötige Schleifen und zahlreiche Iterationen vermeiden, bis ein tatsächlich brauchbares und ressourcenschonendes Ergebnis entsteht.

Diesen Ansatz verfolgen wir bewusst. Er ist sowohl für große wie kleine Unternehmen als auch für Einzelpersonen praktikabel und sinnvoll, KI so einzusetzen, dass der Ressourcenverbrauch insgesamt möglichst gering bleibt.

Wir hören auch von unseren Teilnehmer:innen, dass gerade dieser Aspekt ihnen wirklich wichtig ist und sie sich da viel mitnehmen können. Man hört so viel über KI und wir helfen Leuten, diese ganze Information einzuordnen.

Foto: Harald Lachner

Zentral ist dabei auch das Wissen um die »gezackte Grenze« der Fähigkeiten aktueller KI-Produkte. Dieses Verständnis führt dazu, künstliche Intelligenz dort einzusetzen, wo sie echten Mehrwert schafft – und ebenso bewusst darauf zu verzichten, wenn durch Schulung und aufgebautes Know-how klar wird, dass in einem konkreten Fall der Mensch die bessere Wahl zur Lösung einer Aufgabe ist und bleibt.

Die informierte Entscheidung der Anwender:innen wirkt dabei auch als Signal an die Industrie, ressourcenschonendere Modelle voranzutreiben und KI gezielt zur Verbesserung des ökologischen Fußabdrucks der Technologie selbst einzusetzen.

Wie glaubt ihr sieht die KI-Branche in 5 Jahren aus?

Philip & Michael: Wir glauben, dass auch vieles an der KI einfacher sein wird – weniger Tippen, mehr Spracheingabe zum Beispiel. Das räumt für manche Personengruppen bisherige Barrieren aus dem Weg.

Auch der momentane Boom wird sich legen und die übrigbleibenden Anwendungen werden an Wirksamkeit gewonnen haben.

Eins wird immer noch stimmen: Eine KI macht von alleine gar nichts – mit nur sehr, sehr wenigen Ausnahmen muss es immer jemanden geben, der sie bedient. Das braucht Expert:innen, nicht nur für KI, sondern auch in dem jeweiligen Fachgebiet. Nur so erzielt man Ergebnisse, die nicht nur Einheitsbrei sind.

Der Mensch wird also an Wichtigkeit gewinnen. Sich jetzt bereits mit KI zu beschäftigen und Expertise anzueignen wird in Zukunft vieles leichter machen. Unser Wunsch für die Zukunft wäre es, in einer Welt mit KI den Fokus auf dem Menschen zu haben.

Wofür brennt ihr als Unternehmer?

Philip & Michael: Wir arbeiten gerne gemeinsam mit Menschen in ihrem eigenen Kontext an ihren Projekten und erforschen dabei die Möglichkeiten von KI im jeweiligen Umfeld. Diese Nähe zur konkreten Praxis macht uns Freude und gibt uns in Vorträgen und Workshops spürbar Energie zurück. Besonders dann, wenn wir an Inhalten arbeiten, die uns selbst faszinieren und zugleich einen Beitrag zu einer möglichst sinnvollen, reflektierten Nutzung eines neuen und mächtigen Werkzeugs unserer Gesellschaft leisten können. Dafür kann man dann schon brennen… und das spüren auch unsere Kund:innen.

 

Vielen Dank für das Interview!

Das Interview führte Michaela Pasterk

Links:

Website: www.ki-kann-ich.at
Linkedin:
KI Kann Ich
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Philip Herberstein
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Michael Kellermann