Einfache Handgriffe, einfache Lösungen

Foto: HeyM in Ordnung / Michaela Heyer

Was tun, wenn man nicht sicher ist, wo es beruflich hin gehen soll? Für Michaela Heyer lag die Antwort in drei Schritten:

Erstens, den eigenen Kleiderschrank aufräumen.

Zweitens, ihren Freund:innen dabei helfen, ihre Kleiderschränke aufzuräumen.

Drittens, sich als Ordnungscoach mit ihrem Unternehmen »HeyM in Ordnung« selbstständig zu machen.

Studiert hat Michaela eigentlich Publizistik und war nach dem Studium bei unterschiedlichen Firmen im Marketing beschäftigt. Während der Coronakrise stellte sie sich wie so viele andere Menschen die große Frage: »Ist meine Arbeit wirklich sinnvoll und erfüllend, oder ist da noch mehr?«

»Ich war auch in früheren Jobs immer schon gut darin, Strukturen und Systeme einzuführen« erinnert sie sich und erzählt von dem aha-Moment, dass Ordnung etwas ist, bei dem Menschen Hilfe brauchen können. »Viele Menschen holen sich Hilfe von einer Reinigungskraft, wenn die Wohnung zu schmutzig wird, oder buchen eine Fitnesstrainerin, wenn sie Unterstützung bei sportlichen Zielen brauchen. Relativ wenige Menschen wissen, dass es auch für Unordnung professionelle Hilfe gibt – was vielleicht die größte Herausforderung für mich als Ordnungscoach ist.«

Michaelas Arbeitsalltag als selbstständiger Ordnungscoach ist bunt: manche ihrer Kund:innen möchten nur eine Beratungseinheit als »Anschubhilfe«, bei anderen geht es um die Entwicklung von Ordnungssystemen über mehrere Termine hinweg. Oftmals braucht es konkrete Unterstützung bei einem bestimmten Projekt, wie etwa Erbschaften. »Das Schöne am Ordnungscoaching ist, dass man sehr schnell einen Erfolg und Unterschied sieht« so Michaela. »Und oft gibt ein Erfolgserlebnis Kund:innen den Mut und die Motivation weitere Bereiche, wie einen Abstellraum, einen Dachboden oder Keller, anzugehen, über den man bisher lieber nicht so genau nachgedacht hat.«

Sie betont auch, dass gezielte Fragen zu mehr Erfolg führen, als mit dem Zeigefinger auf Problembereiche zu deuten, wie etwa Kisten vom letzten Umzug im Kellerabteil oder ein zum Bersten voller Kleiderkasten. »Meine Kund:innen denken ja bereits darüber nach, etwas zu ändern. Da bringt es viel mehr, sich zu fragen »Würde ich es mir wieder kaufen, wenn es kaputt wäre?« oder »Weiß ich, was in der Kiste drin ist und habe ich es vermisst?««

Foto: HeyM in Ordnung / Michaela Heyer

Was hat dich inspiriert, dich selbstständig zu machen?

Michaela Heyer: Ich wollte immer schon gründen. Aber die konkrete Idee hat mir lange gefehlt. Ich dachte an Web-Development und Web-Gestaltung, konnte mich aber mit der oft, sagen wir mal, toxisch-männlichen Kultur in der Branche nicht anfreunden. Das Ausräumen meines Kleiderschranks sollte mir eigentlich dabei helfen, Klarheit in meine Gedanken zu bringen – was brauche ich, was will ich bewusst behalten, wovon kann ich mich lösen?

Und damit war die zündende Idee für das erste Unternehmen plötzlich da.

Mein zweites Unternehmen Heyer Creativity ergab sich organisch aus dem ersten. In Zusammenarbeit mit ein paar Kund:innen kamen auch meine Erfahrung und mein Wissen im Marketing und Social Media ins Spiel. Daraus ergaben sich weitere Anfragen und schon bald brauchte es auch da eine Struktur, ein eigenes Unternehmen. Die Hauptzielgruppe der Kreativagentur sind vor allem Neugründer:innnen, die in der Anfangsphase Hilfe und Beratung für ihren Online-Auftritt brauchen.

Besonders freut es mich, wenn ich meine beiden Arbeitsbereiche in einem Projekt vereinen kann. Ein solcher Fall war zum Beispiel ein bereits verkauftes Haus, das geräumt übergeben werde sollte, aber noch vollgeräumt mit den Sachen der verstorbenen Vorbesitzer war. Gemeinsam mit den Erb:innen beschlossen wir, alles auf einem Flohmarkt zu verkaufen und diesen über Website, Plakate und Zeitungsinseraten im Rahmen einer kleinen Kampagne zu bewerben. Ordnungscoaching und Marketing gingen Hand in Hand.

Was ist »grün« an deinem Unternehmen?

Michaela Heyer: Im Kern ist die Antwort: ich. Ich bin in meinen Werten und meiner Haltung ein grüner Mensch und das bringe ich auch in alle Bereiche meiner Arbeit und meines Lebens mit. Ein bewusster Umgang mit Ressourcen und gut überlegte, nachhaltige Entscheidungen stehen sowohl in der Kreativagentur als auch beim Ordnungscoaching im Mittelpunkt. Dazu gehört auch ein Bewusstsein für Kreisläufe und Alternativen zum Neukauf oder Wegwerfen.

Auch privat ist es mir ein Anliegen, Bewusstsein für den Überfluss zu schaffen, der uns mittlerweile fast erdrückt. Vor zwei Jahren habe ich im Februar eine no-shopping-challenge initiiert und auf Social Media mit Videoupdates und Erkenntnissen dokumentiert. Lebensmittel waren davon ausgenommen, aber alles andere durfte ich nicht kaufen. Da mir das rückblickend ein bisschen zu leicht vorkam, nahm ich im Jahr darauf die Regel »kein Plastik« hinzu. Das war hingegen absolut hardcore – wie allgegenwärtig Plastik in unserer Gesellschaft ist, fällt einem erst so richtig auf, wenn man es vermeiden will. Es brauchte irrsinnig aufwändige Recherche und Planung.

Was rätst du Menschen am häufigsten als Ordnungscoach?

Michaela Heyer: Lösungen sind immer individuell. Jede Person ist anders, jede Situation verlangt nach maßgeschneiderten Lösungen. Ein Ordnungssystem muss zur Person passen und nicht umgekehrt.

Daher ist vielleicht einer der wichtigsten Aspekte, sich nicht zu vergleichen – nicht mit Freund:innen, nicht mit der eigenen Mama und schon gar nicht mit Influencer:innen auf Social Media. Vor allem Online-Inhalte sind mit größter Vorsicht zu genießen – die Räume und Wohnungen, die man sieht, sind oft pure Fantasie. Niemand wohnt oder lebt so.

Ein weiterer Impuls, den ich Menschen gerne mitgebe ist, sich darüber bewusst zu werden, dass sich auch nach ihrem Ableben jemand um ihre Dinge kümmern muss. Ich werde oft kontaktiert, wenn es um Erbschaften geht und trauernde Kinder vor den vollen Häusern ihrer Eltern stehen. Was mit dem Haus passiert, ist geregelt, aber was soll mit all dem Kram geschehen, der in Kästen, Kisten und am Dachboden verstaut ist? Was davon ist wirklich wichtig? Auch daran kann man denken, wenn es darum geht, sich von Sachen zu trennen oder sie zu behalten.

Ist Ordnungscoaching auch ein bisschen wie Therapie?

Michaela Heyer: Jein. Es hat einen therapeutischen Aspekt dabei. Ich arbeite ja in privaten Räumen und viele Kund:innen haben das Bedürfnis, ihre Geschichte zu erzählen und mir zu erklären, warum ihre Situation ist, wie sie ist – das Ende einer Beziehung oder der Tod eines lieben Menschen. Teilweise muss ich dann sehr bestimmt sagen, dass ich keine Therapeutin bin und nicht für die »innere«, sondern nur für die »äußere« Ordnung zuständig.

Aber es wirkt therapeutisch, Räume aufzumachen und Bewegung in Stagnation zu bringen. Und plötzlich ist Platz da.

Foto: Renate Schwarzmüller

Wofür brennst du als Unternehmerin?

Michaela Heyer: Menschen zu helfen war mir immer schon wichtig und zieht sich so als roter Faden durch mein Leben. Mich bereichert es, dass ich mehrere Bereiche gefunden habe, durch die ich Menschen positiv motivieren und unterstützen kann. Ob das jetzt bedeutet, dass Menschen Sichtbarkeit mit ihrem Unternehmen erhalten, oder dass sie sich zuhause wieder wohl fühlen können, es gibt mir einfach so viel zurück zu sehen, was meine Arbeit bei Kund:innen bewirkt.

Zusätzlich ist mir sehr wichtig, dass ich das auch mit Nachhaltigkeit verknüpfen kann: ich kann dazu anregen, Konsumverhalten zu überdenken, achtsamer mit Ressourcen umzugehen oder Kreisläufe zu nutzen. Zentral ist für mich dabei, Veränderungen praktisch und leicht umsetzbar zu gestalten, nach dem Motto: »Einfache Handgriffe, einfache Lösungen, aber auf den jeweiligen Menschen und deren Alltagssituation abgestimmt.«

 

Vielen Dank für das Interview!

 

Das Interview führte Michaela Pasterk 

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