Kammerreform: Zeit für eine Wirtschaftskammer, die wirklich alle Unternehmer:innen vertritt

Kommentar von Horst Köpfelsberger, Regionalsprecher der Grünen Wirtschaft Salzburg

(c) Grüne Wirtschaft Sbg
(c) Grüne Wirtschaft Sbg

Die Wirtschaft verändert sich rasant. Neue Geschäftsmodelle entstehen, Nachhaltigkeit wird zur zentralen Herausforderung und immer mehr Menschen wagen den Schritt in die Selbstständigkeit. Trotzdem wirkt die Struktur der Wirtschaftskammer oft wie aus einer anderen Zeit. Wer heute mit vielen Ein-Personen-Unternehmen, kleinen Betrieben und kreativen Dienstleister:innen spricht, hört immer wieder denselben Satz: Die Wirtschaftskammer vertritt vor allem die Großen.

Genau hier setzt die Diskussion um eine Kammerreform an. Denn wenn sich Wirtschaft und Gesellschaft verändern, muss sich auch ihre Interessenvertretung weiterentwickeln.

Eine Kammer für alle – nicht nur für wenige

Die Wirtschaftskammer ist eine der mächtigsten Institutionen in Österreich. Sie spricht für hunderttausende Unternehmen, gestaltet Gesetze mit und hat großen Einfluss auf wirtschaftspolitische Entscheidungen. Umso wichtiger ist es, dass sie tatsächlich die Vielfalt der Wirtschaft widerspiegelt.

„Die Wirtschaftskammer muss die Vielfalt der Wirtschaft vertreten – nicht nur die lautesten und größten Interessen.“ – als Zitat

In Salzburg – wie in ganz Österreich – stellen EPU und kleine Betriebe den überwiegenden Teil der Unternehmen. Sie prägen lokale Wirtschaftskreisläufe, sorgen für Innovation und halten Regionen lebendig. Trotzdem sind ihre Perspektiven in vielen Entscheidungsprozessen unterrepräsentiert. Eine Kammerreform muss daher vor allem eines leisten: mehr Mitsprache für kleine Unternehmen und Selbstständige.

Dazu gehören aus Sicht der Grünen Wirtschaft unter anderem:

  • mehr Transparenz und demokratische Beteiligung innerhalb der Kammer
  • stärkere Vertretung von EPU und KMU in Gremien und Entscheidungsprozessen
  • klare Ausrichtung auf nachhaltiges Wirtschaften
  • mehr Service statt Bürokratie

„EPU und kleine Betriebe sind das Rückgrat unserer Wirtschaft. Eine Kammerreform muss ihnen endlich mehr Mitsprache geben.“ – als Zitat

Die Wirtschaftskammer darf kein System sein, das bestehende Machtstrukturen verwaltet. Sie muss ein Werkzeug sein, das Unternehmer:innen tatsächlich unterstützt.

Stadtentwicklung zeigt das Problem deutlich

Wie unterschiedlich wirtschaftliche Perspektiven sein können, zeigt sich aktuell auch in der Debatte um das Räumliche Entwicklungskonzept (REK) der Stadt Salzburg.

In der Diskussion wird oft argumentiert, dass neue große Gewerbeflächen unbedingt notwendig seien, um wirtschaftliches Wachstum zu sichern. Diese Sichtweise orientiert sich stark an großen Betrieben und klassischen Industrieansiedlungen.

Für viele EPU und KMU sieht die Realität aber ganz anders aus.

Sie profitieren weniger von riesigen Gewerbegebieten am Stadtrand, sondern von lebendigen Stadtteilen:
von gemischten Quartieren, kurzen Wegen, lokalen Netzwerken und einer guten Erreichbarkeit für Kund:innen.

Eine Stadt mit vielfältigen, lebendigen Nachbarschaften schafft Raum für kleine Büros, Werkstätten, Studios, Beratungsunternehmen, Kreativbetriebe oder Dienstleistungen. Genau dort entsteht ein Großteil der neuen Selbstständigkeit.

Wenn wirtschaftspolitische Debatten fast ausschließlich über große Flächen, Verkehrsanbindungen und Industrieansiedlungen geführt werden, zeigt das ein strukturelles Problem: Die Perspektive der kleinen Unternehmen wird zu wenig mitgedacht.

Wirtschaft ist mehr als Quadratmeter Gewerbefläche

Die Wirtschaft von heute funktioniert anders als noch vor dreißig Jahren. Viele Betriebe brauchen keine riesigen Hallen, sondern gute Infrastruktur, digitale Vernetzung und attraktive urbane Räume.

Gerade für kreative Branchen, Dienstleister:innen oder nachhaltige Geschäftsmodelle sind qualitätsvolle Stadt- und Ortsräume ein entscheidender Standortfaktor.

Eine Wirtschaftskammer, die zukunftsorientiert denkt, muss diese Entwicklung ernst nehmen. Wirtschaftspolitik darf nicht nur über Flächenverbrauch und Großansiedlungen definiert werden. Sie muss auch fragen:

  • Wie schaffen wir Orte, an denen kleine Unternehmen wachsen können?
  • Wie stärken wir lokale Wirtschaftskreisläufe?
  • Wie verbinden wir wirtschaftliche Entwicklung mit Klimaschutz und Lebensqualität?

Reform bedeutet Perspektivenwechsel

Eine echte Kammerreform bedeutet deshalb nicht nur organisatorische Änderungen. Sie braucht vor allem einen Perspektivenwechsel.

Die Wirtschaft besteht nicht nur aus einigen großen Playern, sondern aus einer enormen Vielfalt: Designer:innen, Handwerker:innen, Berater:innen, Kreativbetriebe, Start-ups, Familienunternehmen, lokale Dienstleister:innen und viele mehr.

Diese Vielfalt ist die Stärke unserer Wirtschaft.

Die Aufgabe der Wirtschaftskammer sollte es sein, genau diese Vielfalt sichtbar zu machen und zu vertreten – nicht nur die lautesten oder größten Interessen.

„Wirtschaft entsteht nicht nur auf großen Gewerbeflächen. Sie entsteht in lebendigen Orten und Stadtteilen, wo kleine Betriebe Ideen umsetzen und regionale Kreisläufe stärken.“

Zeit für eine moderne Interessenvertretung

Die Grüne Wirtschaft setzt sich deshalb für eine Wirtschaftskammer ein, die:

  • demokratischer und transparenter arbeitet
  • kleine Unternehmen stärker einbindet
  • Nachhaltigkeit als wirtschaftliche Chance begreift
  • regionale Wirtschaftskreisläufe stärkt

Denn eine zukunftsfähige Wirtschaft entsteht nicht nur auf großen Gewerbeflächen. Sie entsteht vor allem dort, wo Menschen Ideen haben, Verantwortung übernehmen und neue Wege gehen.