Von Freiheit und Widerstand

Paola Aguilera hat nicht nur einen, sondern zwei Berufe: An manchen Tagen ist sie als Theatermacherin und Regisseurin vor, auf und hinter der Bühne anzutreffen. An anderen Tagen berät sie als systemischer Coach Klient:innen im Einzel- sowie Gruppensetting. Zwei Jobs, die unterschiedlicher nicht sein könnten – und doch irgendwie zusammengehören.
Geboren in Santiago de Chile, führte Paolas Lebensweg sie über Peru, Rumänien und Deutschland, wo sie erste Bühnenerfahrungen sammelte, in den frühen 1990ern nach Österreich. Neben einer klassischen Schauspielausbildung am Konservatorium Wien absolvierte sie in den Jahren darauf Studien an der Moving Academy for Performing Arts in Amsterdam. Es dauerte nicht lange, da führte sie auch Regie.
»Egal was ich mache, ich brauche das Gefühl von Freiheit. Daher wollte ich auch nie fixer Bestandteil eines Ensembles werden, es war mir immer zu wichtig, selbst entscheiden, oder zumindest mitentscheiden zu können.«
Paola hatte über zwei Jahrzehnte Bühnenerfahrung und bei über 30 Stücken Regie geführt als sie sich 2018 entschied, ein weiteres, völlig neues Berufsfeld zu erkunden. Die Coaching-Ausbildung entfachte nicht nur eine neue Art von Lerneifer in ihr, sondern eröffnete ihr eine neue Kultur des Netzwerkens und der Kommunikation.
Ihre Tätigkeit als Coach gliedert sich in drei Tätigkeitsbereiche:
Beratung -das gemeinsame Erarbeiten von Lösungen,
Coaching -die zielgerichtete Unterstützung bei konkreten Vorhaben,
und Counseling -eine Arbeitsweise, die Beziehungen und zwischenmenschliche Dynamiken in den Mittelpunkt stellt.
»Theatermenschen sind, was Kommunikation betrifft, in der Regel ziemlich katastrophal« lacht sie. »Im Coaching würde das niemals durchgehen. In der Hinsicht sind die zwei Berufe wie Tag und Nacht.«
Aber ganz ohne Theater, sagt sie, könnte sie auch nicht leben.
»Wenn ich mir meine Karrieren ansehe, dann sind sie alle ein Teil von mir. All diese unterschiedlichen Erfahrungen machen mich aus. Ich bin das alles.«
Was hat dich inspiriert, dich selbstständig zu machen?
Paola Aguilera: Viele Dinge, aber am ehesten mein Freiheitsdrang.
Die Freiheit am Theater ist nämlich ein zweischneidiges Schwert. Einerseits kann man entscheiden, was man macht, aber andererseits ist man von den Anforderungen des AMS abhängig, um Zeiten zwischen Engagements und Projekten zu überbrücken. Das verwandelt über die Jahre so manches »will« in ein »muss«. Für mich ließ sich das irgendwann nicht mehr mit meinem Wunsch nach Selbstbestimmung vereinbaren. Ich brauchte einen Weg, um wirklich unabhängig über meine Arbeit entscheiden zu können, ohne Gefahr zu laufen, an eine Würstlbude oder zum Erdbeerpflücken zwangsvermittelt zu werden. Der Coaching-Gewerbeschein war für mich ein Akt der Befreiung, auf den ich jahrelang gewartet habe.
Natürlich sind mit der Selbstständigkeit nicht sofort alle Schwierigkeiten im Leben weg, aber was mich trägt, ist die Gewissheit, dass ich niemandem Rechenschaft schuldig und – ganz wichtig –, dass ich niemandem zuarbeite.

Wie hat dich konkret zum Coaching hingezogen?
Paola Aguilera: Mein ganzer Werdegang ist davon geprägt, mit Menschen in Beziehung zu gehen und gemeinsam zu gestalten. Somit ergab sich die Entscheidung, Coach zu werden organisch aus all den Erfahrungen, die ich über die Jahre gesammelt habe.
Ich habe neben meiner Schauspielausbildung auch ein Diplom als Theaterunternehmerin für Kleinstbetriebe, in dem ich von Schreiben und Inszenieren bis hin zur Licht- und Bühnentechnik alle Bereiche des Theaters abdecke. Ich habe mich immer mehr in den Schaffensprozess vertieft und dabei gemerkt: Ich kann inszenieren, modellieren, gestalten – und Leute motivieren.
Der nächste Schritt war das Unterrichten an Schauspielschulen. Viele Schüler:innen befanden sich noch am Anfang ihres Weges und waren noch nicht sicher, wohin die Reise geht. Ich habe dabei gemerkt, dass ich ihnen den nötigen Support bieten kann, sowohl handwerklich also auch mental. Und dass es mir unglaublich viel zurückgibt. Von der Arbeit mit Student:innen war es dann nicht mehr so weit bis zum Coaching.
Beeinflusst das Theater auch deine Coaching-Praxis?
Paola Aguilera: Es gibt Parallelen zwischen den beiden Welten. Zum Beispiel finde ich die erste Stunde mit Klient:innen immer am spannendsten. Die Energie des Ungewissen – »Wer kommt denn da jetzt? Was für eine Welt oder Biographie tritt gleich in den Raum?« – fühlt sich stark an wie der erste Probentag am Theater. Da hilft mir meine Erfahrung, gut damit umzugehen.
Genauso ist es auch beim Loslassen nach der letzten Einheit. Am Theater habe ich früher oft geweint, wenn Bühnenbilder am Ende abgerissen wurden. Das war etwas, das ich lernen musste und das mir auch beim Coaching hilft: eine Beziehung einzugehen und dann auch wieder loslassen zu können.
Was ist »grün« an deinem Unternehmen?
Paola Aguilera: Ich will auf die Barrikaden gehen. »Grün« bedeutet für mich Selbstbestimmung und Widerständigkeit – und die braucht es in Zeiten, in denen das Konservative überhandnimmt, sowohl im familiären Kontext als auch bei jungen Frauen. Der Auftrag des Feminismus ist meiner Meinung nach ein ganz grüner und extrem wichtiger.
»Grün« bedeutet für mich, progressiv denkend und handelnd nach vorne zu schauen und sich zu entwickeln, anstatt stehenzubleiben, um an irgendwelchen traditionellen Werten festzuhalten. In allen Aspekten meiner Arbeit geht es mir um den Aufruf, aufzustehen und für sich einzustehen und nicht auf das zu hören, was die anderen einem vorkauen.

Das ist für mich »Grün«. Deswegen habe ich auch den Kontakt zur Grünen Wirtschaft gesucht. Ich sah, dass sich hier etwas bewegt. Das wollte ich unterstützen, da wollte ich mitmachen.
Wofür brennst du als Unternehmerin?
Paola Aguilera: Ich brenne für ein starkes Miteinander.
Ich träume davon, eine kleine Institution zu gründen, in der verschiedene Coachingdisziplinen miteinander arbeiten. Ich möchte mehr Austausch zwischen Therapeut:innen und Coaches sehen und einen Rahmen schaffen, in dem professionelle, ernsthafte und gewissenhafte Kolleg:innen miteinander arbeiten und ein breit gefächertes Angebot stellen. Wichtig ist mir dabei, vor allem Frauen gezielt zu unterstützen und zu stärken.
Besonders im Coaching brenne ich auch für die kleinen, besonderen Momente. Am schönsten sind für mich Gedankenpausen: wenn ich eine Frage stelle und sehe, wie im Kopf meiner Klient:innen ein Film zu spielen beginnt. Am Ende des Films kommt eine Antwort, die es ohne die Pause nicht gegeben hätte.
Vielen Dank für das Interview!
Das Interview führte Michaela Pasterk
Links:
Website: Paola Aguilera – Psychosoziale Beratung
Website: Plaisiranstalt
Linkedin: Paola Aguilera
