WAS UNS BEWEGT #WUB

Was bewegt dich? Was bewegt mich? Darüber macht sich August Lechner, Sprecher der Grünen Wirtschaft Niederösterreich, regelmäßig in seinem Meinungsbeitrag Gedanken.


Industriestrategie 2035: Viel Metall, wenig Mensch?

Wenn Regierungen von Industriestrategien sprechen, wird es meist feierlich. Große Worte, große Zahlen, große Versprechen.
So auch jetzt: Österreich will wieder ganz nach vorne. Top-10 der wettbewerbsfähigsten Volkswirtschaften. Mehr Produktion. Mehr Wertschöpfung. Mehr Industrie.

Das klingt kraftvoll. Und ja – es ist gut, dass Industriepolitik überhaupt wieder ernst genommen wird. Jahrzehntelang galt ja: Der Markt wird’s schon richten. Hat er nicht.

Und genau hier beginnt das Nachfragen. Denn während auf 2,6 Milliarden Euro Fördervolumen, Schlüsseltechnologien und „Neu-Industrialisierung“ verwiesen wird, bleibt eine entscheidende Frage erstaunlich leise: Für wen eigentlich?

Industrie ist kein Selbstzweck. Sie ist Mittel zum Zweck. Zum Zweck von guten Arbeitsplätzen. Regionaler Wertschöpfung. Resilienz. Und ja – auch zum Zweck einer ökologischen Transformation, die diesen Namen verdient.

In der neuen Industriestrategie kommt Nachhaltigkeit zwar vor. Aber sie wirkt oft wie ein Beiwort, nicht wie ein Leitmotiv. Energiepreise sollen gedrückt werden, CCS-Verbote fallen, Standortwettbewerb wird beschworen. Das ist klassische Industriepolitik – und die kann man machen.
Nur: Ohne klare ökologische Leitplanken wird aus Transformation schnell nur ein Modernisieren des Alten.

Was mir als Vertreter der Grünen Wirtschaft besonders auffällt:
Kleine und mittlere Unternehmen kommen kaum vor. EPUs schon gar nicht. Dabei sind es genau diese Betriebe, die heute Innovation im Alltag leben, Kreisläufe schließen, regional produzieren und Verantwortung übernehmen – oft ohne Millionenförderungen, aber mit viel persönlichem Einsatz.

Ich kenne diese Realität. Ich stehe selbst täglich im Betrieb, diskutiere Energiepreise, Investitionen, Personalfragen. Ich weiß, wie schwer es ist, langfristig zu planen, wenn Rahmenbedingungen ständig kippen. Und ich weiß auch: Resilienz entsteht nicht nur in Großkonzernen, sondern in tausenden kleinen Entscheidungen vor Ort.

Die Strategie spricht von „Made in Europe“. Gut. Sie spricht von technologischer Souveränität. Wichtig. Aber sie spricht zu wenig von sozialer Fairness, von demokratischer Mitgestaltung, von Unternehmertum jenseits von Hochglanz-Powerpoints.

Industriepolitik darf nicht heißen: viel Geld nach oben, Hoffnung nach unten. Sie muss heißen: Transformation gemeinsam gestalten. Mit Betrieben aller Größen. Mit Beschäftigten. Mit Regionen. Und mit klarer ökologischer Richtung.

Die gute Nachricht: Noch ist nichts entschieden. Strategien sind Papier. Entscheidend ist, was daraus gemacht wird.
Und genau hier braucht es eine starke grüne Stimme in der Wirtschaft. Eine, die nicht gegen Industrie argumentiert – sondern für eine, die Zukunft kann.
Dafür stehe ich. Und dafür braucht es uns – laut, konstruktiv und unbequem.

August Lechner
Sprecher der Grünen Wirtschaft Niederösterreich