Visual Delight und Widerstand

»Ich wollte schon als kleines Mädchen unbedingt Künstlerin werden, weil diese Menschen sich schon rein optisch von der Masse abgehoben haben« erinnert sich Sunla Mahn an ihre Kindheit. »Doch den Eltern zuliebe hab ich dann auch was ‚Gescheites‘ studiert.«
Das breite Feld der Visuellen Kommunikation hat kaum Grenzen und bot ihr daher auch viele unterschiedliche Möglichkeiten. »Für einen kreativen Menschen sind Routinen und Eintönigkeit der Anfang vom Ende. Irgendwann fällt dir nichts mehr ein.«
Für Sunla ist das ein Grund, sich nicht auf einen Teil zu beschränken. Sie arbeitet zu fast gleichen Teilen als Fotografin und Grafikerin und schafft, wenn sie sich die Zeit dafür nimmt, nebenbei auch noch Kunst für eine eigene Fangemeinde. All diese Komponenten gehören für sie zusammen und inspirieren und beeinflussen sich gegenseitig.
Seit 2014 ist Sunla bereits selbständig und weiß ein Liedchen von der Wichtigkeit guter Standortpolitik zu singen. Derzeit ist ihr Büro im sechsten Wiener Gemeindebezirk; davor hatte sie 7 Jahre lang ein eigenes Atelier/Studio im zehnten Bezirk. »Toter Standort, leider. Seitdem ich mein Büro im sechsten Bezirk habe, werde ich von ‚meiner‘ Klientel viel mehr wahrgenommen und kontaktiert. Wie Benko schon predigte: Lage, Lage, Lage… damit hatte er ausnahmsweise Recht.«
Sunlas offenes, amikales Wesen macht sie aus und verschafft ihr schnell Zugang zu den Menschen. Auch die Verschlossenen kann sie relativ leicht öffnen und zum Lachen bringen.
»Mit unkomplizierten Menschen arbeitet man gern zusammen, deshalb habe ich auch eine zufriedene Stammkundschaft.«
Was hat dich inspiriert, dich selbstständig zu machen?
Sunla Mahn: Die klassischen Arbeitszeiten von 09:00 bis 17:00 Uhr schläfern mich auf Dauer ein. In meinen früheren Anstellungen hatte ich oft das Gefühl, einen großen Teil meiner Lebenszeit abzusitzen, weil ich noch auf irgendeine Freigabe von Kund:innen gewartet habe.
Außerdem hatte ich in Österreich ein großes Problem mit den hier vorherrschenden Hierarchien und Umgangskultur. Das kannte ich nicht aus Hannover und Berlin und war einfach nicht bereit, mich ohne Gegenwehr anschreien zu lassen.
Weitere Gründe für die Entscheidung zur Selbstständigkeit waren, dass ich meine Arbeitsfelder selber bestimmen kann; Pausen und Urlaub machen kann, wann ich will; auch Aufträge ablehnen, die ich nicht machen möchte und mir die Kundschaft suchen, die ich will. Diese Selbstbestimmung ist für mich einfach zu wichtig, um dabei Abstriche zu machen.
Da ich sehr gern reise und regelmäßig Tapetenwechsel brauche, finde ich es ebenfalls praktisch, dass ich meine Arbeit überall hin mitnehmen kann.
Was ist »grün« an deinem Unternehmen?

Sunla Mahn: Mein ganzes Wesen ist grün und da ich auch mein kleiner Einzelbetrieb bin, ist dieser dadurch natürlich auch voll grün. Ich fahre so ziemlich überall hin mit dem Fahrrad, bei fast jedem Wetter. Sollte es eiskalt sein und schneien, nehme ich die Öffis. Mein Equipment ist so klein und gut zu transportieren, dass ich dafür kein Auto brauche. Dieses Equipment habe ich zu einem großen Teil auch gebraucht gekauft, so wie meine Klamotten auch meistens Second Hand sind.
Seitdem ich kein eigenes Studio mehr habe, miete ich mich bei Bedarf bei Kolleginnen ein. Wir sind mittlerweile ein so großes Netzwerk aus Fotografinnen, dass das sehr leicht geht. Somit erspare ich mir erhebliche Energiekosten und unterstütze Kolleginnen, die nicht voll ausgelastet sind, bei ihren Kosten. Eine Win-Win Situation für Frauen und Umwelt.
Und da sind wir auch schon beim letzten grünen Punkt: dem Feminismus. Seit vielen Jahren habe ich mich bemüht, die Frauen in der Berufsfotografie zu finden, weil ich auf den Veranstaltungen der WKO kaum welche gesehen habe. Es hat ein bisschen gedauert, aber nun steht dieses wachsende Netzwerk und erfreut sich großer Beliebtheit, weil wir uns gegenseitig alle anfallenden Fragen über eine Signal-Gruppe beantworten oder uns Jobs anbieten. Einmal im Monat treffen wir uns in Präsenz und besprechen auch hier brennende Themen, die wir Mandatarinnen dann in die Wirtschaftskammer tragen können. Und siehe da: Auf einmal sind auch viel mehr Frauen bei den faden Fachgruppentagungen und leisten konstruktive Beiträge. Und ich gebe zu: ich habe immer nur Praktikantinnen oder Assistentinnen, gebe also Mädchen und Frauen eindeutig den Vortritt.
Wofür brennst du als Unternehmerin?
Sunla Mahn: Als Selbstständige brenne ich für meine Unabhängigkeit und Selbstbestimmtheit. Ich kann meine Tage und Aufgaben so gestalten, wie ich es für richtig halte und muss mich nirgendwo dafür rechtfertigen. Ich kann mich ständig weiterbilden, auch tagsüber meine sozialen Kontakte pflegen und nebenbei auch noch Nestpflege betreiben. Keine tote Zeit, keine Energieverschwendung.
Mit meiner Art, achtsam zu leben und zu arbeiten, bin ich einigen (jungen) Frauen in meinem Dunstkreis ein Vorbild, was mich sehr stolz macht. Anti-Kapitalistische Werte weiterzugeben finde ich zunehmend wichtig. Solidarität und Widerstand gegen das Patriarchat!
Vielen Dank für das Interview!
Das Interview führte Michaela Pasterk
Links:
Website: sunlamahn.com , grafikagentur-wien.at
Facebook: sun.LaMahn
Instagram: lamahn
Linkedin: Sunla Mahn Visual Cuisine
