WAS UNS BEWEGT #WUB
Was bewegt dich? Was bewegt mich? Darüber macht sich August Lechner, Sprecher der Grünen Wirtschaft Niederösterreich, regelmäßig in seinem Meinungsbeitrag Gedanken.
Kein Wunder, dass die Kammerreform jetzt Fahrt aufnimmt
Es gibt Momente, da offenbart sich ein System plötzlich in allen Facetten – mit all seinen Stärken, Schwächen und seinen historischen Zufälligkeiten. Genau an diesem Punkt steht die Wirtschaftskammer. Die Debatte darüber wirkt laut und schrill, doch dahinter liegt eine ernsthafte Frage: Wie sieht Interessensvertretung im 21. Jahrhundert aus?
Zwei Vorschläge dominieren aktuell die Schlagzeilen. Die Abschaffung der Pflichtmitgliedschaft – die einen sehen darin Freiheit, die anderen den Zerfall der einzigen Institution, die Unternehmerinnen und Unternehmer quer durch alle Branchen verbindet. Ebenso wird eine massive Beitragssenkungen gewünscht – ein spürbarer Wunsch vieler Betriebe, der jedoch die Gefahr birgt, veraltete Strukturen noch weiter auszuhöhlen. Beides sind verständliche Anliegen. Beides ist aber zu kurz gedacht.
Wer die Kammer wirklich weiterbringen will, muss drei grundsätzliche Fragen stellen – Fragen, die Freund und Kritiker gleichermaßen betreffen:
- Wer spricht eigentlich für wen?
Unsere Wirtschaft ist vielfältiger denn je. Vom globalen Industriekonzern bis zur Einzelunternehmerin im Homeoffice – alle sind Mitglieder derselben Kammer. Die Frage ist nicht, wer recht hat, sondern wie eine Organisation funktionieren muss, um diese Vielfalt nicht nur zu verwalten, sondern zu verstehen.
- Welche Strukturen braucht eine gemeinsame Stimme?
Wenn Interessen auseinandergehen wird es schwierig die Kammer so zu gestalten, dass sich niemand übergangen fühlt? Welches Service brauchen Konzerne und welches brauchen EPUs? Und warum sind in der Kammer der gewerblichen Wirtschaft eigentlich Banken vertreten?
Das ist keine Provokation, sondern eine Einladung, Rollen komplett neu zu denken.
- In welchem Jahrhundert organisieren wir uns eigentlich?
Wir arbeiten europäisch, handeln global – und sind gleichzeitig sind wir entlang historischer Landesgrenzen organisiert, die aus einer früheren Epoche stammen. Eine stärkere nationale Organisation wäre ein mutiger Schritt. Einer, der zeigen würde, dass Österreich bereit ist, alte Abhängigkeiten zu verlassen.
Worum es wirklich geht
Es geht tatsächlich nicht darum, die Kammer zu zerstören – und auch nicht darum, sie zu konservieren – sondern darum, sie fit für eine Wirtschaft zu machen, die schneller, vielfältiger und internationaler geworden ist als jenes System, das sie vertreten soll.
Eine Reform, die diesen Namen verdient, ist kein Abriss. Sie ist ein Architekturprojekt:
Wie baut man ein Haus in dem Ein-Personen-Unternehmen und Weltmarktführer gleichzeitig Schutz und Perspektive finden?
Die Antwort darauf werden wir sicher nicht in Schlagzeilen finden. Antworten finden wir durch ehrlichen Fragen, klugen Lösungen und mit viel Mut ein System weiterzudenken, das Österreichs Wirtschaft seit Jahrzehnten begleitet.
August Lechner
Sprecher der Grünen Wirtschaft Niederösterreich