Samstag 11. Februar 2012
Berichterstattung | 14.06.2010

„In die Zukunft investieren“

Ernst Ulrich von Weizäcker im SN-Interview

Wirtschaftswachstum muss sich vom Wachstum der Emissionen abkoppeln. Der Wissenschafter Ernst Ulrich von Weizsäcker ist überzeugt, dass dieses Ziel erreichbar ist.

„Faktor 5“ heißt das neue Buch von Ernst Ulrich von Weizsäcker, das er gemeinsam mit zwei Kolle­gen herausgegeben hat. Wenn es gelingt, die Wirtschaft um den Faktor 5 effizienter zu machen, also mit 20 % der Rohstoffe und Energie gleich viel Wohlstand zu erzeugen, ändert sich die Richtung des Fortschritts, so die Botschaft.

SN: Es herrscht ein heftiger Konflikt zwischen den Menschen, die die Wirtschaftskrise bekämpfen und denen, die das Klima retten wollen. Wie sind die Positionen zu vereinen?

Weizsäcker: Wer für die nächsten 12 Monate etwas machen will, der ist geneigt, das Thema Klima zu vergessen. Wer für die nächsten 50 Jahre etwas tun will, ist geneigt, die Bankensanierung und Ähnli­ches für nachrangig zu halten. Das ist der rationale Kern diese Konflikts. Erfreulicherweise gibt es aber große Bereiche, in denen sowohl etwas für die Banken als auch für das Klima gemacht werden kann.

SN: Welche Maßnahmen wären das?

Weizsäcker: Etwa Häusersanierungen, bei denen der Hauptfinanz aufwand vom Eigentümer kommen sollte und die gleichzeitig ihm und seiner Familie unglaublich viel Geld sparen.

SN: Sie sprechen von Energieeffizienz . . .

Weizsäcker: Ja

SN: … also dass pro eingesetzter Energieeinheit eine höhere Ausbeute als zuvor erzielt wird.

Weizsäcker: Genau. Sie bekommen mehr Wärme im Winter und mehr Kühlung im Sommer.

SN: Mittlerweile zweifelt kaum ein Politiker mehr an der Dringlichkeit zu handeln. Auch das Instrumen­tarium ist weitgehend unbestritten. Warum geschieht nichts oder viel zu wenig?

Weizsäcker: Eine Grafik, die ich gern zeige, weist Punkte zwischen zwei Achsen auf, die eine Achse zeigt die CO2-Emissionen pro Kopf, die andere das Bruttosozialprodukt pro Kopf. Das ergibt eine schlichte Gerade. Die typische Erfahrung ist also: Je mehr wir das Klima versauen, desto besser geht es uns.

SN: Dann haben wir derzeit aus Klimasicht ja Glück, weil mit der Wirtschaftskrise die Emissionen sinken.

Weizsäcker: Daher kommt es ja bei kurzfristigem Denken zu dem Konflikt, von dem eingangs die Re­de war. Das ist ein wirkliches Dilemma. Und wenn Sie sagen, man sei sich einig über die Instru­mente zum Klimaschutz, so muss ich das leider bestreiten. Unter Ökonomen herrscht bestenfalls eine gewis­se Einigung darüber, dass das Klimaproblem mit einem internationalisierten Treibhausgashandel zu lösen ist. Aber das, was da bisher gemacht wurde, hat so viele Schweinereien produziert, dass die ökologische Glaubwürdigkeit ziemlichen Schaden genommen hat.

SN: Können Sie uns ein Beispiel nennen?

Weizsäcker: Europäische CO2- Emittenten konnten sich etwa von eigenen Reduktionsverpflichtungen freikaufen, indem sie eine riesige, angeblich treibhausgasmindernde Schweinefarm in Mexiko subven­tionierten.

SN: … und sich damit Verschmutzungsrechte für das eigene Land erkauft haben.

Weizsäcker: Ja, Ähnliches geschieht ja auch mit Palmölplantagen. Die Chinesen, zum Teil auch die Inder, haben sich einen besonders lächerlichen Trick ausgedacht. Es geht um FCKW-Ersatzstoffe, die die Ozonschicht nicht gefährden, aber fürchterlich gefährliche Treibhausgase sind, pro Molekül 10.000 Mal wirksamer als CO2. Die sagen dann einfach: Wir planen jetzt diese Fabrik, aber wenn ihr uns her­auskauft, bauen wir sie nicht.

SN: Die Herauskäufer wiederum können sich die dadurch theoretisch vermiedenen Treibhausgase in ihren Klimabilanzen gutschreiben. In Ihrem neuen Buch „Faktor 5“ beschreiben Sie einige dieser faulen Tricks.

Weizsäcker: Ja, Eigentlich wäre es ja darum gegangen, bei uns zu Hause die Schadstoffe zu redu­zieren.

SN: Wir werden ja nicht umhinkommen, nach Möglichkeiten zu suchen, das Wirtschaftswachstum von Emissionssteigerungen zu entkoppeln. Kann das mit Beibehaltung alter Methoden und Produktionen vom Autobau bis zur Zementherstellung erreicht werden?

Weizsäcker: Nehmen wir den Zement. Es ist meist Portlandzement, der aus chemisch-physikalischen Gründen eine Ofentemperatur von etwa 1700 Grad benötigt. Das ist natürlich wahnsinnig energieauf­wendig. Sogenannte Geopolymer-Zemente ergeben fast die gleiche Qualität, wenn nicht bessere, und verbrauchen bei der Herstellung nur ein Fünftel an Energie.

SN: Warum setzen die Produzenten diese Methode nicht ein?

Weizsäcker: Zum Teil tun sie es, indem sie etwa Flugasche aus den Kohlekraftwerken bei der Herstel­lung verwenden. Nun behaupten die Unternehmen aber, dass es gar nicht genug Flugasche gibt. Das liegt daran, dass die Kohlekraftwerke Flugasche als Abfall betrachten und billig abstoßen – da gibt es immer rasch Käufer.

SN: Man müsste die Flugasche also verteuern?

Weizsäcker: Wenn wir jene Energie verteuern, die die Zement hersteller derzeit beziehen, haben sie plötzlich Kaufkraft für auch etwas teurere Flugasche. Dann wandert die Flugasche von der billigen Anwendung im Straßenbau zur wertvolleren Anwendung im Zement.

SN: Wir brauchen also so etwas wie eine Energieabgabe?

Weizsäcker: Es geht um eine langsame und langfristige Verteuerung von Energie.

SN: Langsam und langfristig deswegen, weil es ja politisch verträglich sein muss, nehme ich an.

Weizsäcker: Ja, das auch, aber vor allem, damit es keine Kapitalvernichtung gibt. Es muss keine ein­zige Zementfabrik stillgelegt werden. Unser Vorschlag ist: Schau dir den Effizienzgewinn an. Wenn du feststellst, im Jahr 2010 war der Effizienzgewinn – also der gesunkene Energieverbrauch für eine bestimmte Menge an geschaffenem Mehrwert – 1,5 Prozent, dann darf im Jahr 2011 die Energie um 1,5 % teurer sein.

SN: Wenn ich Sie richtig verstehe, soll das für die Wirtschaft Planungssicherheit bringen und wohl auch den Anreiz, Energie zu sparen – was dem Klima zugute käme.

Weizsäcker: Man würde die Gegenwart respektieren, aber nicht mehr in die Vergangenheit investie­ren, sondern in die Zukunft. Die Tragödie heute ist, dass ständig in die Vergangenheit investiert wird.

SN: Sie waren ja auch Politiker, Sie kennen also beide Seiten. Warum ist es so schwierig für die Po­litik, derartige Rezepte umzusetzen?

Weizsäcker: In Amerika herrscht der Glaube vor, dass der American Way of Life gebieterisch verlangt, dass Energie nichts kostet. Das war die Grunddoktrin von Ronald Reagan, auch von Bill Clinton und natürlich von Bush.

SN: Aber Europa hatte unter deutscher Präsidentschaft 2008 eine weltweite Vorreiterrolle in der Klimapolitik übernommen. Nun scheint Europa wieder zurückzufallen – sowohl was die Vorreiterrolle betrifft als auch die Umsetzung. Warum?

Weizsäcker: Nachdem die angelsächsische Weisheit alle Staaten gezwungen hat, sich zur Behebung der akuten Bankenkrise hoch zu verschulden, sind alle Staaten finanziell kaputt. Da ist es äußerst schwierig, eine Politik zu machen, die im Wesentlichen durch öffentliches Interesse motiviert ist und nicht durch privatwirtschaftliches, nämlich Klimapolitik – und sie zu finanzieren. SN: Andererseits ist es eine einmalige Chance, jetzt die Weichen zu stellen, damit sich neues Wachstum langsam vom Wachstum an Emissionen entkoppelt.

Weizsäcker: Es gibt nur zwei Länder, die dem, was Sie gerade gesagt haben, realpolitisch gefolgt sind: Südkorea und China.

SN: Wieso?

Weizsäcker: Die Chinesen haben ein großes Konjunkturprogramm aufgelegt und über 20 % dieser Ausgaben in umwelt- und klimarelevante Investitionen gesteckt. Die Südkoreaner haben sogar 84 % ihres Programms ökologisch ausgegeben. In Deutschland waren es 13 Prozent. Trotzdem haben Sie recht. An dieser Stelle muss man entscheiden, was richtig ist und was falsch. Für die Deutschen war Opel wichtiger.

SN: Sie sagten vorhin, Klimaschutz sei eine öffentliche und keine privatwirtschaftliche Aufgabe. Nun gibt es die Tendenz, zumindest bei uns in Österreich, die Verantwortung dem Einzelnen zu übertra­gen, indem gesagt wird: Geh zu Fuß! Schränk dich ein! Flieg nicht! Halten Sie das für in Ordnung?

Weizsäcker: Wenn Menschen, die gut verdienen, Menschen, die schlecht verdienen, sagen, sie müss­ten bescheidener werden, das hat das eine ganz geringe Glaubwürdigkeit. Ich würde so etwas erst für glaubwürdige Politik halten, wenn sie gleichzeitig das hierzugehörende wirtschaftliche Anreizsystem schafft. Durch eine langfristige ökologische Steuerreform mit der Energieeffizienz angepassten Ener­giepreisen würde sie ein Signal an alle setzen: Ab jetzt werden sich Investitionen in verschwende­rische Technologien nicht mehr lohnen. Das ist aber heute leider noch der Fall.

SN: Da gibt es ja gar nicht mehr so viel Unterschied zwischen Umweltpolitik und Wirtschaftspolitik.

Weizsäcker: Richtig. Genau das will ich erreichen.

SN: Werden wir die Kurve schaffen, bevor das Risiko, dass das Klima kippt, unbeherrschbar wird?

Weizsäcker: Jede Trendextrapolation endet in Pessimismus. Aber wenn man Konzepte in Blick habt, die das Umsteuern auf eine wirtschafts- und sozialverträgliche Weise ermöglichen, wird man plötzlich zum Optimisten.

SN: Sie sind also Optimist?

Weizsäcker: Ja.


(SN, Robert Stricker, 14.06.)

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