Donnerstag 17. Mai 2012
Wirtschaftswachstum | 29.11.2011

Wo bleibt der Wohlstand für alle?

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Der Dachsaal der Wiener Urania war am 29. November 2011 auf Einladung der grünen Wirtschaft Ostregion und der Grünen Bildungswerkstatt Niederösterreich gut gefüllt. Am Podium diskutierten der bekannte Kritiker des Neoliberalismus und Ökonom des Wirtschaftsforschungsinstituts (WIFO) Stephan Schulmeister sowie Gabriele Michalitsch, Politologin und Ökonomin in Wien und Klagenfurt mit den Forschungsschwerpunkten Politische Ökonomie, Feministische Ökonomie und Neoliberalismus. Der Moderator des Abends, der Bundessprecher der Grünen Wirtschaft Volker Plass, konfrontierte Vortragende und Publikum mit dem Paradigma des unbedingten Wirtschaftswachstums und dessen sozialen sowie ökologischen Folgen.

Wachstum als Erfolgsmodell?

Volker Plass war von der Zeitschrift Format gefragt worden, was MaturantInnen über die Wirtschaft wissen sollten. Folgende Fragen seien wichtig: „Warum muss es Wirtschaftswachstum geben?“, „Warum ist Wirtschaftswachstum das Erfolgsmodell des Kapitalismus?“ und „Warum brauchen wir Wirtschaftswachstum im Kapitalismus?“ Stephan Schulmeister entgegnete in der Diskussion, dass der Kapitalismus nur eine von mehreren möglichen Wirtschaftsordnungen sei. Genauso gut wäre es möglich eine neue zu finden, in der es keinen Renditezwang mehr gäbe. Für ihn sei eine Welt ohne Wirtschaftswachstum denkbar, allerdings unter der Voraussetzung von großen gesellschaftlichen Einschnitten. Bevor wir über eine Postwachstumsgesellschaft nachdenken, sei es laut Schulmeister aber notwendig näher an Vollbeschäftigung heran zu kommen.


„Hat uns das Wirtschaftswachstum denn glücklicher gemacht?“ Laut Gabriele Michalitsch ist dies eine Frage der Betrachtungsweise. Wirtschaftswachstum habe etliche Vorteile, es gäbe aber auch extreme Ausblendungen, wenn wir über Ökonomie nachdenken. Ein Beispiel sei der informelle Sektor, der in Frage stellt, was in unserer Gesellschaft überhaupt als Arbeit definiert werde. Eine Neudefinition der Ökonomie müsse deswegen auch mit einer Neudefinition von Arbeit einhergehen. Es sei wichtig, sich die Frage zu stellen, was denn Wohlstand überhaupt sei. Im Bericht der Stiglitz-Kommission aus dem Jahr 2009 seien sich viele WissenschaftlerInnen darüber einig, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) als Wohlstandsindikator prinzipiell ungeeignet sei. Deshalb wären neue Maßstäbe längst überfällig. Ebenso wichtig wie die Verteilung der Einkommen, so betonte Michalitsch, sei die Frage nach der Verteilung von Zeit.


Die Rolle der Politik.

Stephan Schulmeister merkte an, dass es möglich sei, der momentanen Krise mit dem Mittel des Wirtschaftswachstums zu entkommen. Seine Hoffnung ist, dass dabei eine ökologischere Art des Wachstums angestrebt werde. Die Politik müsse in dieser Krise Aktivitäten vorziehen, die wir ohnehin machen müssten. Er denke dabei etwa an den Klimawandel und die Integration. Wenn wir die thermische Gebäudesanierung innerhalb von nur zehn Jahren umsetzen, schaffe dies höheres Wirtschaftswachstum, das zugleich auch die Umwelt verbessert. Für Schulmeister sind Wachstum und Umwelt daher nicht unbedingt Gegensätze. Aufgrund des Klimawandels und der Ressourcenkrise, die bereits in den 1970er Jahren vom Club of Rome prophezeit worden war, seien schnelle Antworten von Seiten der Politik notwendig. Michalitsch erklärte, dass im sozialwissenschaftlichen Diskurs oft von Vielfachkrisen gesprochen werde. Für die Ökonomin und Politologin spielt dabei die Krise der Demokratie eine große Rolle. Fragen der Wirtschaftsdemokratisierung müssten deswegen in den Vordergrund rücken. Wenn die Politik in dieser Krise nichts unternehme, würden rasch Sündenböcke in der Gesellschaft gefunden werden.


Wissenspolitik jenseits von Marktmodellen.

Der erste Kongress zu Degrowth (Wachstumsrücknahme) fand im Jahr 2008 in Barcelona statt. Dabei tauchte die Frage auf, weshalb Wirtschaftswissenschaften überhaupt so verfasst sind, wie sie es sind. Für Gabriele Michalitsch ist dies ein Ergebnis der Wissenspolitik. „Welches Wissen wird überhaupt entwickelt?“ Manche Diskurse werden äußerst marginalisiert und die Chance, dass sie sich beispielsweise an der Wiener Wirtschaftsuniversität profilieren können, ist nicht existent. Die Professur für Heterodoxe Ökonomie sei seit ungefähr drei Jahren nicht nachbesetzt worden. Dabei wäre es wichtig, dass Forschungsgelder in diese Bereiche fließen. „Ist es nun möglich die Ökonomie ohne Wachstum zu denken?“ „Es gibt gewiss die Dominanz einer einzigen ökonomischen Lehre und das hängt eng mit dem Neoliberalismus zusammen. Der Pluralismus ist in der Ökonomie verloren gegangen“, so Michalitsch auf die Frage von Volker Plass. Stephan Schulmeister betonte, dass es immer wieder Utopisten oder Außenseiter gäbe, die über Marktmodelle hinaus denken. Für ihn sind aber etwa die Gemeinwohlökonomie oder Allmendeideen keine Wege, die uns beim Überleben helfen, da 99 Prozent der Gesellschaft damit nicht erreicht werden könnten. Der Ökonom betonte, dass radikale Wechsel in der Geschichte nie funktioniert hätten. Für Michalitsch stellt die Vier-in-einem-Perspektive der deutschen Sozialwissenschaftlerin Frigga Haugg einen äußerst interessanten Ansatzpunkt dar. In diesem Rahmen wird Zeit neu verteilt, was eine neue Lebensweise ermöglicht: Vier Stunden Erwerbsarbeit, vier Stunden Reproduktionsarbeit, vier Stunden eigene Weiterentwicklung und Muße sowie vier Stunden öffentlich-politische Tätigkeit. Michalitsch geht es dabei um ein vorsorgendes Wirtschaften in Richtung Postwachstum. Die Symptome für ein Umdenken kommen für sie aus den Sozialwissenschaften und nicht aus den Wirtschaftswissenschaften. Es gäbe bereits viele interessante Debatten wie über Solidarische Ökonomie und Commons, jedoch stellen diese Diskussionen momentan nicht die Hauptströme dar.

Die Autorin ist Redakteurin der GBW-Wien.

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