Donnerstag 20. Juni 2013
Offener Brief | 18.10.2012

Lieber Christoph Leitl, wir müssen was tun!

Oder: Warum manchmal der Gesetzesbrecher recht hat – und nicht das Gesetz!


Lieber Christoph Leitl!


Der Heini Staudinger ist ein Verrückter.


Er macht Dinge, die unmöglich sind. Er ignoriert alle Regeln, die im Geschäftsleben als »vernünftig« gelten. Und trotzdem hat er das, was nach aller Erfahrung eigentlich undenkbar ist: Er hat Erfolg!


Der Heini Staudinger ist einer der letzten, die in Mitteleuropa noch Schuhe produzieren. Er investiert. Er schafft ständig neue Arbeitsplätze in einer strukturschwachen Region. Und er erzeugt mit seiner Firma wunderschöne Produkte, die ihm die Leute aus der Hand reißen.


Nur die Bank mag ihn nicht.
Und das beruht auf Gegenseitigkeit!


Deshalb hat der Heini Staudinger wieder alle Regeln missachtet und sogar Verbotenes getan: Er hat sich Geld von Freunden ausgeborgt, von Leuten aus seiner Region, die ihn kennen, die ihn schätzen und die ihm das entgegenbringen, was die Banken nicht mehr hergeben wollen: VERTRAUEN!


Lieber Christoph Leitl, in der Wirtschaftskammer reden wir ständig davon, wie wichtig es ist, dass innovative, mutige Unternehmer »Risikokapital« bekommen. In der Wirtschaftskammer gibt es tolle Werbe-Veranstaltungen dazu. Und alles ist in Ordnung, wenn die, die das Geld hergeben, den Namen »Venture Capital Fonds« tragen.


Wenn allerdings Freunde und Bekannte zusammenhalten, ist alles illegal. Und die Finanzmarktaufsicht steht vor der Tür.


Damit wir uns richtig verstehen: Der Heini Staudinger hat die Gesetze missachtet. Und das geht nicht!


Manchmal hat jedoch der Gesetzesbrecher recht, und nicht das Gesetz. Weil das Gesetz schlecht ist. Dann muss das Gesetz geändert werden, und dafür sind wir als Interessenvertreter zuständig. Denn nicht nur die Banken und die Investment-Fonds sind Mitglieder der Wirtschaftskammer – auch Heini Staudinger ist es!


Und für Unternehmer wie ihn brauchen wir eine einfache Lösung: ein Kleinkreditmodell, das den Anlegeschutz gewährleistet und trotzdem ohne viel Bürokratie und hohe Kosten funktioniert!


Lieber Christoph Leitl, ich glaube, dass wir nicht so rasch aus dieser großen Wirtschaftskrise herauskommen. Und ich glaube, dass jene Menschen die Krise besser bewältigen, die in den Regionen zusammenhalten, die einander vertrauen und die für einander Verantwortung übernehmen.


Insofern ist Heini Staudinger kein Gesetzesbrecher, sondern ein Pionier, von dem viele andere lernen können. Und wir, sehr geehrter Herr Präsident, müssen ihn unterstützen!


Liebe Grüße, Volker Plass

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